Glamour, Glitzer, Galaleben? – Backstage bei der Premiere von „Hamlet.Sabotage“ im Theater narrenschiff

von Gastautorin Judith Binias

Es sind noch gute zwei Stunden. Das Foyer des kleinen Theaters ist noch ruhig, doch heute Abend werden knapp 90 Zuschauer den Raum bevölkern.

Während ich auf meine Schauspielerkollegen warte, trinke ich Kaffee und löse ein Kreuzworträtsel – um wach zu werden und mich gleichzeitig von der Nervosität abzulenken. Nicht zu vergessen: ich rauche meine geschätzte zwanzigste Zigarette. Nur wenige Minuten später trudeln der Hamlet-Darsteller und Gertrude ein. Unrasiertes Kinn, Augenringe und zerzauste Haare lassen nicht erahnen, dass diese beiden schon bald auf der Bühne glänzen sollen. „Komm, Gertie, ich dreh deine Haare auf“, sagt der Bühnensohn zu seiner Bühnenmutter und sie verschwinden in der Garderobe. In einem freien Theater ist jeder Darsteller auch hinter der Bühne aktiv. Auch ich mache mich auf den Weg, um mich in mein Kostüm zu werfen.

Noch eine Stunde. Mittlerweile sind auch Horatio, Laertes (beides Frauen), Claudio und Polonius angekommen. Der Kaffeekonsum steigt. So auch das Zittern. Entweder vom Koffein oder der Nervosität – oder beidem. Mit Lockenwicklern in den Haaren wischt Gertrude die Bühne. „Ophi?“ Damit bin ich gemeint. „Ja?“ Ich kämpfe noch immer mit den Schuhen, die meine kleinen Zehen schmerzlich eindrücken und niese das letzte Mal, bevor ich in die Korsage gesteckt werde.

„Kannst du noch mal nach dem Scheinwerfer schauen?“ Einer der Spots ist defekt, er kippt nach unten. In Faltenrock und Korsage steige ich auf die Leiter und richte ihn.

Noch 30 Minuten. Aus dem kleinen Bad in der Garderobe hört man, wie Polonius versucht seinen Schleim aus dem Hals zu räuspern, bevor wir uns aufwärmen. Horatio trägt noch ihre Snoopy-Socken und versucht ihre Frisur zu richten. Während Hamlet seine Mutter schminkt, beschwert er sich über seinen nervösen Darm. Es wäre ihm peinlich, wenn er in der Nacktszene mit Ophelia pupsen müsste. Auch ich fänd das nicht ganz so prickelnd! Durchfalltabletten, Paracetamol und Halsbonbons machen schließlich die Runde. Die Luft in der kleinen Garderobe ist schwer von dem Puder und Haarspray. Langsam steigt die Anspannung. Man kann förmlich spüren, wie der Herzschlag eines jeden Darstellers sich langsam erhöht. Claudio atmet mit geschlossenen Augen in ein Taschentuch. Eine angespannte Aura umgibt ihn. Noch 15 Minuten. Wir stehen im Kreis, die Vokale singend, um unsere zitternden Stimmen aufzuwärmen. Aufreget knetet Laertes ihre Hände.

„Ich mach mir gleich in die Hose“, jammere ich, doch Laertes, meine Bühnenschwester schluckt ihren zehnten Traubenzucker hinunter und schaut mich mit hochgezogener Augenbraue an. „Du warst doch erst vor einer Minute auf der Toilette!?“

„Ja denkst du, das interessiert meine Blase?“ Ich schmettere den letzten Vokal in den leeren Publikumsraum und sprinte erneut zu den Toiletten.

In den letzten fünf Minuten vor der Aufführung erlebt man die Darsteller menschlicher als jemals zuvor. Dort hört man etwas von einem „Schleimkloß im Hals“, dort von einem „Kackreiz“. Der Eine redet ununterbrochen auf andere ein, der Andere, wie ich, zieht sich zurück und betet zum Theatergott. Das Knistern der Durchfalltabletten-Packung ist das einzige Geräusch in der zum Zerreißen angespannten Stille. Das Saallicht verlischt endlich, die Spots erhellen die Bühne. Alle natürlichen Körperfunktionen setzen aus. Nun heißt es: Glamour, Glitzer und Vorfreude auf die Gala! Backstage ist vergessen!

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