Show must go on

von Gastautorin Judith Binias

Weißt du wo noch eine Party ist? Ich schaue ihn an. Dann auf die Uhr der früheren Bücherei. Dann die dunkle Straße hinunter. 23.45h. Wieder schaue ich ihn an. Um diese Uhrzeit? Montags? Hier? Er grinst komisch. Hat sich also in zwei Jahren nichts verändert. Ich war weg. In Afghanistan. Er? Aha. Nein, es hat sich nichts verändert. Aber die Dönerläden sind noch da. Aber zu. Rauchst du? Ja. Ich…. Ja. Afghanistan? Mein Hund schnuppert an ihm. Scheint uninteressant. Da kommt man nach ein paar Monaten wieder und nichts hat sich verändert. Du warst also in Afghanistan?… Ja. Fallschirmjäger. Ich muster ihn kurz. Kein Bart. Blonde Haare. Gestylt. Wie für eine Party. Schicke Jacke, denke ich noch. Erst zwei Monate, dann sechs. Warum? Warum? Wieder das Grinsen. Geld. Geld?! Geld? Dann hast du also mit … wie alt bist du? Zwanzig. Mit zwanzig erst mal ausgesorgt. Ja. Aber scheiß Job. Ich komme an, neun Kugeln ins Bein. Aha. Kriegsheld? Eine Masche? Er grinst. Aber egal. Ich mach´s ja freiwillig. Wegen dem Geld. Ja. Noch ein paar Mal runter, dann hab ich gut verdient. Hört man oft. 18-, 20jährige. Wegen dem Geld. Warum auch sonst? Warum überhaupt? Aha. Schön. Neun Kugeln, ja? Schön? Das war Ironie. Egal. Eine Erfahrung, die ich nicht brauchte. Aber das Geld? Na ja, bringt dir auch das Geld nichts, ohne Bein. Geht so. Du dann nicht mehr. Er grinst. Wo musst du her? Kann ich dich ein Stück begleiten? Party ist nirgends mehr, richtig? Brauchte ich auch nicht. Einfach etwas reden. Verarbeiten? Dass ein Kind wie du da unten war? Oder weil ein Kind wie du denkt, es wäre „cool“ gewesen, wenn es da mitgespielt hätte und es jetzt als Masche nutzt? Also nur wenn du nichts dagegen hast, wenn ich dich ein Stück begleite. Nein, mein Beitrag zu deinem Seelenfrieden. Nein. Kein Ding. Und du machst das freiwillig? Kanonenfutter? Ja. Ist halt so. Man lernt jemanden kennen, als Kollege. Bum. Man kannte ihn kurz. Ist halt so. Was machst du? Ich schreibe. Ich hab auch vor Ewigkeiten kurz drüber nachgedacht zum Bund zu gehen. Offizierslaufbahn. Hab ich nicht gemacht. Brotlose Kunst. Mache ich. Aber lebe und lasse leben. Ah, ich… na ja… ich heiter die Jungs da immer ein bisschen auf. Spiele Gitarre. Das ist gut, braucht man wahrscheinlich, um nicht durchzudrehen. …was ist Wahnsinn? Ja. Genau. Neulich sind fünf von uns gefallen. Alle natürlich traurig. Was hab ich gesagt? Show must go on!

Und ich gehe nach Hause und trenne meinen Teebeutel von dem kleinen Pappschild, entsorge beides getrennt.

Mehr Lyrik von Judith Binias gibt es hier: http://insomnia-writing.npage.de/ oder in ihrem Buch Insomnia – Lyrik aus schlaflos geträumten Texten (amazon).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s