Ewige Verdammnis?

von Gastautorin Judith Binias

Im vierten Jahrhundert nach Christus beschrieb der Mönch Evagrius Ponticus erstmals Sünden, die einen Mönch heimsuchen können. Im Gegensatz zu den lässlichen Sünden, die nicht zwingend zum Verlust der göttlichen Gnade führen, kommen die Todsünden der Abkehr von Gott gleich und haben die ewige Verdammnis zur Folge. Evagrius Ponticus sprach damals noch von „acht Gedanken oder Dämonen“, die jedoch umstrukturiert und zweihundert Jahre später von Papst Gregor auf die mystische Zahl Sieben reduziert worden sind. Sind die sieben Todsünden nach über 1400 Jahren noch aktuell oder lediglich ein damaliges Machtwerkzeug der Kirche, um die Gläubigen zu maßregeln? Sind sie heutzutage teilweise nicht viel mehr Krankheiten, unter denen Menschen unfreiwillig leiden und somit schon die Hölle auf Erden erleben und nicht erst nach ihrem Tod?

Schaut man sich die Gesellschaft an, sind gleich mehrere Sünden offensichtlich: Eitelkeit, Habgier, Neid, Zorn. Wer kann sich davon freisprechen, sich die Haare gefärbt, aus ästhetischen Gründen Sport gemacht oder eine Creme gegen Falten benutzt zu haben? Der Blick in den Spiegel ist zur Routine geworden, ebenso die neidischen Seitenblicke. Ein Leben wie einer der Stars aus dem Fernsehen würde nahezu jeder gerne leben oder zumindest ein so großes Auto haben, wie das des Nachbarn. Und hat man all das schon, verlangt es doch die meisten noch immer nach mehr. Alles muss größer, schneller und besser werden. Reichtum, Ansehen und Macht wird angehäuft. Zur Not mit Gewalt und unter fadenscheinigen Vorwänden. Und nicht nur diese Gier nach einem Mehr scheint maßlos zu sein, sondern auch die Geschwindigkeit und Masse des Konsums. Jedes Jahr zu Weihnachten finden Unmengen an Weihnachtsgänsen und Karpfen den Weg in die scheinbar unersättlichen Mägen. Aber auch im Laufe des restlichen Jahres wird gegessen und konsumiert, was der Geldbeutel hergibt. Aber kann man diese Genusssucht verallgemeinern? Oder muss man nicht spätestens da die Differenz zwischen Achtlosigkeit und den Wunsch nach seelischer Erfüllung sehen? Denn wie viel von dem, was Menschen täglich kaufen, essen, trinken oder anderweitig konsumieren, ist in Wirklichkeit eine Kompensation von tiefer liegenden Wünschen?

Und wie sieht es mit der vermeintlichen Faulheit aus? Ist jeder, der morgens sprichwörtlich nicht aus dem Bett kommt, ein Sünder? Schlichtweg zu träge, um sich dem Alltag zu stellen? Erst im zwanzigsten Jahrhundert wurde die Depression zu einer schwerwiegenden Krankheit erklärt, und jeder fünfte Deutsche ist im Laufe seines Lebens von ihr betroffen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nahmen sich im Jahr 2009 circa 9.765 Deutsche das Leben.

Nicht zuletzt wird die Wollust stets als Todsünde genannt. Die fleischliche Begierde. Triebhaftigkeit. Heutzutage kann man Sex in jeder Art und Form kaufen, täglich stehen neue Fälle von Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen in den Schlagzeilen. Doch muss man nicht auch hier unterscheiden? Eine Grenze ziehen zwischen der vorsätzlichen Verletzung der Menschenwürde und der damit einhergehenden Zerstörung eines Lebens und der Ausgelassenheit, mit der die Liebe zelebriert werden kann? Der Freiheit, Gefühle ausleben und der eigenen Animalität und Triebhaftigkeit erliegen zu können? Schon Zarah Leander fragte: „Kann denn Liebe Sünde sein?“

Und müssen wir uns heutzutage nicht Fragen: Machen wir es uns einfach, indem wir einigen Sünden den Stempel „Krankheit“ aufgedrückt haben? Ist die Sünde schlichtweg Gewohnheit geworden? Oder sind nicht die Umwürfe vieler alter Dogmen endlich die Anerkennung der eigenen Menschlichkeit?

Sind wir alle zur kollektiven Verdammnis verflucht?

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