Biggi Mestmäcker: Wir sehen alle denselben Mond (KoLekt – Lieblingsprojekte 1)

Ein Buch, das niemanden kaltlässt

Es gibt Bücher, die lassen einen einfach nicht kalt. Ich selber engagiere ich mich seit ziemlich genau zwei Jahren in der Flüchtlingshilfe. Dabei habe ich etliche bewegende Schicksale kennengelernt und viele Menschen getroffen, deren Einsatz und Menschlichkeit mich beeindruckt haben. Am Rande habe ich auch mitbekommen, was Biggi Mestmäcker alles versucht hat, um eine syrische Familie wieder zusammenzuführen. Doch erst in ihrem Buch habe ich die ganze Geschichte erfahren. Manchmal hatte ich Mühe, das Buch weiter zu lektorieren, weil ich mich – wütend, atem- und fassungslos – festgelesen hatte. Ganze Kapitel musste ich deswegen ein weiteres Mal angehen. Doch nun ist es vollbracht, zahlreiche weitere Schwierigkeiten, die bei der Produktion eines zweisprachigen Buches auftauchen, sind gemeistert. Das Buch ist da und ich möchte, dass ihr es lest – am liebsten jeder Einzelne von euch!

Familiennachzug auf Umwegen

Biggi Mestmäcker lernte den Syrer Elias Alkhory bei einem Kochevent von Deutschen mit Flüchtlingen kennen, nahm ihn später mit dem Auto mit zum Deutschkurs und fand den stillen Mann sehr sympathisch, ebenso wie ihr Mann und ihre Töchter. Schließlich zog er im Gästezimmer ein und wurde Teil der Familie. Die Autorin half bei der Überwindung der bürokratischen Hürden bis zu Anerkennung. Doch alles dauerte viel länger, als es Elias jemals für möglich gehalten hätte. Die neue deutsche „Familie“ konnte natürlich kein Ersatz sein: Er vermisste seine Frau und seinen Sohn, die noch in Damaskus warteten, unendlich. Den beiden, deren Situation immer kritischer wurde, ging es nicht anders. Endlich war es so weit, die Anerkennung lag auf dem Tisch und der Familiennachzug theoretisch möglich. Praktisch stellte sich aber heraus, dass es viele Monate dauern würde, vor allem wegen der langen Wartezeiten, um einen Termin bei der Botschaft in Beirut zu bekommen. Die deutsche Botschaft in Syrien ist schon lange geschlossen, die Botschaften in Jordanien und der Türkei nicht mehr zu erreichen, weshalb die Botschaft im Libanon alleine ihre Aufgaben übernommen hat. Doch je mehr Syrer in Deutschland anerkannt werden, desto mehr wollen ihr Recht auf Familiennachzug wahrnehmen und umso schwieriger und langwieriger wird das Verfahren. Mestmäcker sah, wie es ihrem Gast immer schlechter ging. Sie beschloss, andere Wege zu finden und setzte alle Hebel in Bewegung. Über soziale Netzwerke suchte sie nach Menschen, die an bestimmten Stellen helfen konnten und bekam Hilfe, wo man sie nicht erwarten würde. So gelang es nach nervenaufreibenden Wochen, den Familiennachzug in vergleichsweise kurzer Zeit zu ermöglichen – über Jakarta.

Grausame Bürokratie

Mestmäckers Schilderungen haben mich sehr bewegt. Es ist beeindruckend, wie viel Zeit und Energie und sie aufgewendet hat, zulasten ihrer Arbeit, zugunsten dieser fremden Menschen in Not. Aber vor allem wird deutlich, wie verrückt dieses System ist: Obwohl die Geflüchteten nach ihrer Anerkennung einen Rechtsanspruch auf Familiennachzug haben, werden ihnen so viele Steine in den Weg gelegt. Seitdem sind die gesetzlichen Regelungen verschärft, die Hürden noch höher gesetzt worden. Was dies mit den Männern macht, die mit der Absicht geflüchtet sind, ihre Lieben aus den Gefahren von Krieg und Verfolgung zu retten, ohne sie dem unmenschlichen und riskanten Weg auf einem unsicheren Schlauchboot über das Mittelmeer auszusetzen, wird in diesem Buch sehr deutlich. Niemals hätten sie Frau und Kinder zurückgelassen, wenn sie geahnt hätten, wie lange diese noch in Gefahr leben müssen. Das alles zu lesen machte mich wütend. Das kann nicht sein! Die gesetzlichen Regelungen werden durch das Nadelöhr der Deutschen Botschaft in Beirut völlig ausgehebelt. Für Flüchtlinge, deren Familien in der Türkei oder in Griechenland warten, sieht es übrigens nicht viel besser aus, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. (Gestern, am 13.06.17 las ich, dass die Deutsche Botschaft in Beirut in ein größeres Gebäude umgezogen ist und weitere Mitarbeiter bekommen hat, sodass sich die Wartezeiten inzwischen deutlich verringert haben. Sie sind immer noch lang, aber immerhin: ein Hoffnungsschimmer für die vielen wartenden Syrer, ihre Ehepartner und Kinder.)

Zweisprachige Ausgabe Arabisch und Deutsch

Besonders ist aber nicht nur, was Mestmäcker in Sachen Familiennachzug erlebt und erfahren hat. Schnell entstand der Wunsch, anderen mitzuteilen, was sie erlebt hat. Als Texterin ist das Schreiben zwar ihr Beruf, doch hat sie zuvor niemals einen derart langen Text geschrieben. Aber das war nicht die einzige Schwierigkeit. Sie wollte, dass auch die Geflüchteten Elias Alkhorys Geschichte lesen können. Und so übersetzten und überarbeiteten drei syrische Männer, die selber gerade erst Deutsch gelernt haben, das Buch ins Arabische und korrigierten es. Ein Kraftakt, aber er gelang. Mehr zur Entstehung des Buches gibt es hier.

Fazit:
Ein wichtiges Buch, das traurig und wütend macht. Ich wünsche mir, dass viele Menschen es lesen. Am liebsten würde ich einigen Politikern ein Exemplar schicken, die diese unmenschlichen Gesetze zu verantworten haben und die den Familien aus populistischen Gründen (bald ist schließlich Wahl) immer mehr Steine in den Weg legen, obwohl sie einen gesetzlichen Anspruch darauf haben, ihre Angehörigen nachzuholen.

Biggi Mestmäcker: Wir sehen alle denselben Mond. Gegen alle Widerstände – Familiennachzug aus Syrien. Zweisprachige Ausgabe Deutsch – Arabisch. Tredition 2017. 256 Seiten. Hardcover Euro 22,90, Taschenbuch Euro 12,90, E-Book Euro 4,99 (erst in ca. 3 Wochen verfügbar). ISBN TB 978-3-7439-2788-9.

Zur Website der Autorin – bei Tredition: HardcoverTaschenbuch – bei Amazon: HardcoverTaschenbuch.

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