Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Die Kommunisten Charlotte und Wilhelm waren vor den Nationalsozialisten nach Mexiko geflüchtet und wollen nun in die DDR zurückkehren.

Charlottes Sohn Kurt aus ihrer ersten Ehe war als politisch unzuverlässig 10 Jahre in der Sowjetunion in einem Lager inhaftiert, sein Bruder ist dort ums Leben gekommen. Er kommt mit seiner Frau Irina zurück nach Hause und beginnt eine Karriere als Historiker.

Enkel Alexander versucht zeitlebens, aus dem Schatten seines bekannten Vaters zu treten. Als er krank wird, macht er eine Reise in die Vergangenheit seiner Familie

Sein Sohn Markus wächst in der DDR auf. Nach der Wende ändert sich sein Leben radikal.

Der Leser begleitet Familie Umnitzer von 1952 bis 2001. Einzelne Ereignisse, einzelne Tage werden ins Rampenlicht gerückt. Besonderes Augenmerk erhält der 1. Oktober 1989, der gleich sechsmal aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert wird.

Im ersten Kapitel wird Alexander vorgestellt, ein Mann mittleren Alters, der gerade von einer schweren Krankheit erfahren hat und seinen dementen alten Vater besucht. Von 2001 springen wir ins Jahr 1952 zu seiner Großmutter Charlotte und ihrem zweiten Mann Wilhelm, die sich vor den Nazis nach Mexiko geflüchtet haben und sich mittlerweile halbwegs eingelebt haben, aber doch froh sind, dass sie nach Deutschland zurückkehren können. In der DDR wurden ihnen interessante Arbeitsplätze angeboten und so packen sie ihre Koffer. Ich war gespannt, wie es den beiden ergehen würde. Doch nun springt die Handlung zum ersten Mal zu Wilhelms 90. Geburtstag 1989.

Hier die Reihenfolge der Kapitel: 2001, 1952, 1989, 1959, 2001, 1961, 1989, 1966, 1989, 1973, 2001, 1976, 1989, 1979, 2001, 1989, 1991, 1995, 2001.

Ich habe an sich kein Problem mit Büchern, die nicht chronologisch aufgebaut sind. Aber dieses Hin und Her (um nicht zu sagen: Durcheinander) war mir wirklich zu viel. Dazu kommt, dass jedes Kapitel aus der Sicht einer anderen Person geschrieben ist. Mehrfach wurde mir erst nach einer Seite klar, wer nun berichtet und ich habe dann noch einmal von vorne begonnen. Meiner Meinung nach hat Ruge sich damit verkünstelt. Wohlgemerkt: Die Handlung ist durchaus interessant. Die Entwicklung einer Akademiker-Familie in der DDR ist teilweise spannend beschrieben. Aber immer, wenn mich das Schicksal einer Person gefesselt hat, kam ein Sprung um viele Jahre in die Vergangenheit oder Zukunft. Vielleicht lag es daran, dass viele Charaktere blass geblieben sind. Sympathie habe ich eigentlich nur für Nadeschda Iwanowa entwickelt, ein wenig auch für ihre Tochter Irina. Ansonsten blieben mir die Figuren weitgehend fremd.

Ob das Leben in der DDR realistisch geschildert wurde, kann ich nicht beurteilen. Ich kann mir allerdings kaum vorstellen, dass eine Frau wie Charlotte, die keinerlei höhrere Ausbildung hat, nur, weil sie als Kommunistin vor den Nazis fliehen musste, Direktorin einer Akademie werden konnte. Und wurde jemand, der aufgrund politischer Unzuverlässigkeit nach Sibirien verbannt worden ist, irgendwann einfach zurückgeschickt? Durfte seine russische Freundin mit in die DDR ausreisen?

Vielleicht lese ich das Buch irgendwann noch einmal in chronologischer Reihenfolge, möglicherweise bekomme ich dann einen besseren Zugang, denn eigentlich habe ich es trotzdem gemocht – irgendwie. Ich kann aber ehrlich gesagt nicht verstehen, warum es so in den Himmel gelobt wird. Es behandelt zweifellos ein wichtiges Thema, das es aber verdient gehabt hätte, lesbarer präsentiert zu werden. Schade.

Leseprobe hier

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Rowohlt 2011, 432 Seiten, Euro 19,95, ISBN 978-3-498-05786-2

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