Alessandro Baricco: Novecento. Die Legende vom Ozeanpianisten

… scheint es mir eher ein Text zu sein, der auf dem schmalen Grat zwischen einem richtigen Bühnenstück und einer laut zu lesenden Erzählung schwankt. Ich glaube nicht, dass es einen Namen für diese Art von Texten gibt. (aus dem Vorwort)

Novecento wird auf der Virginia geboren, einem Ozeandampfer. Die Passagiere haben das Schiff in Boston bereits verlassen, als ein Matrose das Baby in einem Pappkarton findet, auf dem Klavier im Ballsaal der ersten Klasse. Vermutlich hoffte die Mutter, der kleine Junge würde so bei einer reichen Familie unterkommen. Seinen Namen erhält er von seinem Finder: Novecento, 1900, weil er ihn im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts gefunden hat. So wird die Besatzung des Schiffes zur Familie ihn, der in keinem Land angemeldet wird, keine Papiere hat und sich zeitlebens davor fürchtet, an Land zu gehen.

Eines Tages setzt Novecento sich an den Flügel im Salon und spielt bezaubernde, faszinierende, zu Tränen rührende, nie zuvor gehörte Klänge. Niemand weiß, wie er das gelernt hat, doch er wird zur Legende. Manche Passagiere reisen nur deshalb mit, um ihn zu hören. Eines Tages kommt ein Pianist aus New York an Bord. Er ist es leid, mit Novecento vergleichen zu werden und fordert einen Wettbewerb. Novecento stimmt zu, aber er hat keine Ahnung, wie ein Wettbewerb funktioniert …

Der Erzähler Tim Tooney, ein früherer Orchesterkollege und Freund Novecentos, berichtet über dessen Leben. Es ist ein großartiger Monolog, der in knappen Worten diesen ungewöhnlichen Schiffsbewohner zum Leben erweckt. Regieanweisungen schaffen Atmosphäre, lassen auch ohne weitschweifige Erklärungen die geschilderten Situationen vor den Augen des Leser entstehen.

Mir hat diese kurze Geschichte gut gefallen. Der Stoff ist sehr ungewöhnlich, und ich habe gebannt abgewartet, ob Novecento das Schiff verlassen wird und was dann geschieht. Das Ende war sehr überraschend und traurig, aber absolut stimmig. Besonders mochte ich die Art, wie die Musik beschrieben wird.

Tag für Tag fügte er der unermesslichen Karte, die sich in seinem Kopf abzeichnete, ein Stückchen dazu, der unermesslichen Karte der Welt, der ganzen Welt, von einem Ende bis zum anderen, riesige Städte und Kaffeehausnischen, lange Flüsse, Pfützen, Flugzeuge, Löwen, eine wunderbare Karte. Er reiste himmlisch auf ihr, während seine Finder über die Tasten glitten und die Kurven eines Ragtime streichelten.

Der Mann, der immerzu reist und doch nie ankommt, reist in seinem Kopf, durch seine Musik entdeckt er die ganze Welt. Ich fände es interessant, das Stück einmal zu sehen, ein einsamer Mann auf der Bühne, der von seinem alten Freund erzählt …

Cover_Baricco_Novecento

Alessandro Barrico: Novecento. Die Legende vom Ozeanpianisten. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. dtv 2006. 80 Seiten, Euro 7,90, ISBN 978-3-423-13457-6

Ich habe dieses buch bei der Aktion Blogger schenken Lesefreude zum Welttag des Buches gewonnen. Vielen Dank an Stefanie von Azzurro Diary!

3 Gedanken zu “Alessandro Baricco: Novecento. Die Legende vom Ozeanpianisten

  1. Schöne Rezension, die vermutlich dazu führen wird das ich das Buch lese. Das Theaterstück habe ich als Solodrama gesehen- ganz toll.

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