Erfahrungen einer Quizshow-Kandidatin Teil 2

Vor der Sendung

Montags fuhr ich zu meinen Eltern und übernachtete dort. Am nächsten Morgen brachte mein Vater meine Mutter und mich an den Zug nach Köln. Unterwegs versuchte ich, noch ein wenig zu lernen. Mir war klar, dass das wenig sinnvoll ist, aber irgendwie musste ich die Zeit über- und die Nervosität unterdrücken. Ich las sogar die Bildzeitung, um auf dem allerneuesten Stand zu sein.

Im Kölner Bahnhof fanden wir am vereinbarten Treffpunkt einen Mann, der ein Schild „Wer wird Millionär“ hochhielt. Wir warteten noch eine Weile auf weitere Kandidaten, dann wurden wir mit einem Van nach Köln-Hürth zu den Studios gefahren. Dort sollten wir in einem Aufenthaltsraum warten, weil wir recht früh dran waren. Das war nicht weiter schlimm, denn es gab Kaffee, belegte Brötchen, Getränke und Süßigkeiten als Nervennahrung. Nach und nach trudelten alle Kandidaten ein. Es werden an jedem Dienstag drei Sendungen aufgezeichnet, die dann normalerweise Freitag, Samstag und Montag laufen. In unserem Fall verschob sich alles, weil es am Samstag davor wegen dem Aachener Karneval im Ersten kein WWM gab.

Wir waren also 30 Kandidaten. Für jede Aufzeichnung gibt es zwei Ersatzkandidaten. Ein Kandidat könnte krank werden oder auf dem Weg eine Autopanne haben. Es ist sogar schon passiert, dass jemand auf dem Weg ins Studio eine Panikattacke hatte – dann springt der Ersatzkandidat ein. Kommt er nicht zum Zuge, darf er in der folgenden Aufzeichnung als normaler Kandidat antreten. Bei der dritten Aufzeichnung kommen die Ersatzkandidaten aus der Nähe, sie dürfen dann eine Woche später als normaler Kandidat wiederkommen.

Wir bekamen schließlich alle einen Aufkleber auf die Brust, auf dem der Name und die Nummer der Aufzeichnung standen, in meinem Fall die 2. Als wir schon anfingen uns zu langweilen, wurden die Kandidaten der ersten Aufzeichnung zum Redaktionsbriefing zusammengerufen. Die Begleitpersonen stigen in einen Bus und machten währenddessen eine Stadtrundfahrt.

Endlich kam auch ich zum Redaktionsbriefing. Wir erhielten allerlei Informationen über WWM: Jede Woche bewerben sich etwa 100.000 Personen. Unter ihnen werden per Zufallsgenerator 120 ausgewählt, die einen Anruf erhalten. Es werden fünf Fragen gestellt. Wie schon gesagt geht es dabei nicht nur darum Wissen abzutesten. Sie wollen beispielweise auch herausfinden, ob man schon morgens betrunken auf dem Sofa herumliegt, sich nicht artikulieren kann, etc. Dann schlägt wieder der Zufallsgenerator zu und heraus kommen die 30 Kandidaten für die nächste Aufzeichnug. Da habe ich wirklich Glück gehabt, einige in der Runde hatten sich schon 15 Mal beworben! Übrigens: Wenn man nur als Kandidat dabei ist, es aber nicht auf den Stuhl schafft, dann darf man sich drei Monate später wieder bewerben. Es gibt Leute, die es drei Anläufe genommen haben, bevor sie es zu Günter Jauch geschafft haben. Wenn man allerdings einmal in der Fragerunde war, darf man sich, egal wie viel oder wenig man gewonnen hat, niemals wieder bewerben.

Schließlich mussten wir einen Vertrag unterschreiben, in dem z. B. steht, dass man nicht vor der Ausstrahlung verraten darf, wie es ausgegangen ist, welche Fragen drankommen, etc. Jeder Verstoß kostet 2.500,-€ Strafe. Natürlich dürfe man es Familienangehörigen erzählen, aber nur, wenn diese auch dichthalten. Meine Begeisterung war daher gebremst, als ich nach meiner Rückkehr merkte, dass die Erzieherinnen im Kindergarten von meiner Schwiegermutter schon bestens informiert worden waren … Richtig relevant wird die Regel vermutlich nur bei hohen Gewinnen – wenn der Millonengewinn vorher in der Zeitung stünde, das wäre schon blöd.

Zum Abschluss mussten wir noch unsere Casting-Karte überprüfen. Diese Karte bekommt Jauch immer in die Hand gedrückt, wenn es einen neuen Kandidaten gibt. Darauf stehen Name, Familienstand, Kinder, Werdegang, Begleitung, Telefonjoker, usw.

Nach dem Abschluss des Redaktionsbriefings kam der spannende Teil: Das Studiobriefing. Das Studio ist einen Stock tiefer. Wir mussten uns zuerst in einer Reihe aufstellen. Ich war Nr. 1, d.h. ich saß auch auf dem ersten Stuhl und wurde als Erste vorgestellt. Wir wurden also aufgerufen, gingen hinein und setzten uns auf unsere Plätze. ImFernsehen sieht man das nie, das ist für das Saalpublikum (ca. 230 Personen, Wartezeit für die Karten: 1 Jahr, Preis: 1. Aufzeichnung 14,- €, 2. und 3. Aufzeichnung zusammen 19,- €). Im Studio war es ziemlich kalt, aber wir waren vorgewarnt und hatten unsere Jacken an. Warm wird es später durch die Scheinwerfer. Danach bekam wir gesagt, in welche Kamera wir bei der Vorstellung schauen müssen und dass wir unsere Maskottchen (ich hatte keins) nicht vor dem Gesicht herumschwenken sollen.

Als nächstes bekamen wir eine Testfrage. Man sitzt vor einem kleinen Gerät, nebeneinander die Tasten ABC und D, dazu noch eine Delete-Taste sowie eine Taste zum Bestätigen. Wenn man letzteres vergisst, holt sich der Computer nach 11 Sekunden von alleine den Eintrag. Die Frage war leicht, aber ich hatte gedacht es ginge am schnellsten, wenn ich jede Taste mit einem anderen Finger drücke. Außerdem muss man relativ fest drücken. Jedenfalls habe ich wohl weder schnell noch fest genug gedrückt, am Ende wurden bei mir nur drei Buchstaben angezeigt, und einer davon auch noch doppelt. Meine Erwartungen für den Abend waren schlagartig sehr gebremst! Wenn ich nicht einmal das Drücken richtig hinbekomme …

Schließlich durfte jeder von uns für eine Frage auf den Stuhl. Ich war bei einer 125.000,-€ Frage dran, nahm frech einen 50:50-Joker, obwohl der Mann vor mir das auch schon gemacht hatte und hurra, geschafft!

Dann ging es wieder nach oben, wo inzwischen ein Büffet aufgebaut worden war. Die Kandidaten der ersten Aufzeichnung waren schon beim Umziehen und Schminken. Nach dem Essen wurden dann auch wir in die Garderobe gerufen, bei deren Anblick mir auf einmal die eigentliche Bedeutung des Wortes bewusst wurde: garder robe – Kleideraufbewahrung, also Kleiderschrank. Das passte zu der Größe der Raumes, in dem auch noch eine Sitzgruppe stand. Sicherlich wunderbar geeignet für einen Künstler, halbwegs angemssen für drei, vier Personen. Wir waren aber gut 30 Kandidaten mit ebensovielen Begleitpersonen, sodass in jeder der beiden Garderoben gut 30 Köfferchen herumstanden. Da wir früh angekommen waren, standen unsere Koffer in der hintersten Ecke.

Nachdem ich mich dorthin vorgekämpft hatte kam auch schon eine Frau, die sich unsere „Kostüme“ ansehen wollte. Die Kleidung war schon beim Packen ein Problem gewesen, denn es gab genaue Vorgaben: Nicht ganz weiß, nicht ganz schwarz, nicht eng gesteift, kariert oder gepunktet, nicht knallrot, kein Rippenstrick. Ich hatte mir auf die Schnelle noch etwas gekauft, weil der größte Teil meiner Kleider gegen diese Richtlinien verstößt. Der eine Pulli hatte dann allerdings meiner Mutter nicht gefallen, sodass ich ihn gar nicht erst mitgenommen hatte. Zwei meiner Pullis hatten Streifen (ich liebe Ringelpullis), aber obwohl die Streifen nicht schmal waren, durfte ich sie nicht anziehen. Am Ende fiel die Wahl auf den bordeauxroten Pullover, den ich am wenigsten gewollt hatte.

Als ich es geschaft hatte, mich aus dem Kämmerchen wieder nach draußen zu kämpfen, durfte ich mich vor der Maske anstellen. Zum Leidwesen meiner Mutter wurden die Begleitpersonen nicht geschminkt, aber ich durfte das volle Programm mitmachen. Allein auf meine Augen wurden bestimmt zehn verschiedene Sachen gepinselt, die Haare ein wenig geföhnt. Jedenfalls gefiel ich mir richtig gut, als ich fertig war. Zu diesem Zeitpunkt durften die Kandidaten der ersten Aufzeichnung gerade ins Studio gehen. Wir mussten in einem Aufenthaltsraum warten.

Dort stand ein Fernseher, auf den die erste Aufzeichnung per Hauskanal übertragen wurde. Das war sehr interessant. Ich hätte zum Beispiel nie gedacht, dass die Aufzeichnung so viel länger dauert als die fertige Sendung. Zuerst ist Jauch noch gar nicht da. Im Studio hüpft ein Animateur herum und versucht, das Publikum in Schwung zu bringen. Dann dürfen irgendwann die Kandidaten auf ihre Plätze, und dann erst kommt Günter Jauch. Er begrüßt die Kandidaten und albert ein wenig mit dem Publikum herum. Vor einer Auswahlfrage schauen sich Jauch und der Animateur die Frage an und wetten um Geld, wieviele der Kandidaten das wohl richtigmachen. Am Anfang fand ich das noch lustig, später (vor allem, als ich unten saß) nur noch nervig. Dann wird die Frage gestellt, das Ergebnis eingeblendet und der neue Kandidat geht nach vorne zu Jauch – Schnitt. Der Kandidat verschwindet hinter der Bühne und bekommt ein Mikro. Das dauert bestimmt zehn Minuten, mir kam es ewig vor. In der Zwischenzeit werden weiter Witzchen gemacht. Dann kommt der Kandidat wieder, die Einstellung wechselt und von oben sieht man die beiden nun zu den Stühlen gehen.

Interessant ist auch die Werbepause: Jauch sitzt 30 Sekunden ganz still, kein Mensch sagt ein Wort, dann geht es weiter.

Endlich war die erste Aufzeichnung fertig. Die Kandidaten für die zweite Aufzeichnung wurden aufgerufen. Es ging los!

Ein Gedanke zu “Erfahrungen einer Quizshow-Kandidatin Teil 2

  1. Pingback: Fünf Fragen an die Wortakzente-Bloggerin | querbeet gelesen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s