Erfahrungen einer Quizshow-Kandidatin Teil 3

Auf Sendung

Nun sollte es endlich losgehen. Wir Kandidaten stellten uns im Flur auf, wo wir noch einmal von den Damen von Kostüm und Maske begutachtet wurden: Hier noch ein bisschen Puder, da noch mal mit der Fusselbürste drüber. Hat noch jemand etwas in der Hosentasche? Bloß nichts, was klimpert. Geld, Papiere, Schlüssel, raus damit. Höchstens ein Taschentuch durfte man behalten. Ein Kandidat der dritten Aufzeichnung soll tatsächlich mit Stöpseln im Ohr und Handy in der Tasche dagestanden haben. Handys sind natürlich allerstrengstens verboten! Im Publikum werden sogar Hustenbonbons verteilt, seit einmal Schummelverdacht aufkam, weil im Publikum so viel gehustet worden war.

Irgendwann kam Jauch aus dem Studio hochgestürmt, an uns vorbei in seine Gardarobe zum Umziehen. Ein knappes, gebrummeltes „Guten Tag“ war unser erster Kontakt. Wir durften nach unten auf unsere Plätze gehen.

Es ist ein komisches Gefühl, in der Auswahlrunde zu sitzen. Je nach Beleuchtung schien mir die Lampe ins Gesicht, so dass ich nichts sehen konnte. Plötzlich eilte Jauch hinein – er scheint immer zu rennen – und gab allen Kandidaten die Hand. Da das Publikum nach der ersten Aufzeichnung gewechselt hatte, machte er wieder die gleichen Witzchen wie vorher. Das fand ich sehr entspannend – ich wusste genau, dass jetzt nichts Wichtiges passieren wird.

Dann ging es los, aber unsere Auswahlrunde war nur Kulisse.  Von der vorherigen Aufzeichnung war nämlich ein Überhangkandidat übriggeblieben, ein sehr netter Student. Er war wirklich klasse, ich habe ihm seinen Erfolg auch gegönnt, aber irgendwann fing ich doch an mir zu wünschen, er würde endlich fertig werden. Vor allem bei seiner letzten Frage, die er wirklich nicht wusste, bei der er aber noch ewig hin- und her überlegte, wurde ich immer nervöser. Uns zehn Kandidaten lief die Zeit davon!

Endlich, wir waren an der Reihe! Jauch und der Animateur schlossen wieder eine Wette darüber ab, wieviele von uns die Antwort wissen, dann kam eine sehr leichte Frage. Man musste den ersten Satz der Bibel sortieren: Am Anfang – schuf Gott – Himmel – und Erde. Mir kam es vor, als wäre ich unendlich langsam gewesen. Tatsächlich hatte ich die zweitschnellste Zeit, das habe ich im Studio aber nicht bemerkt, weil ich die Anzeige wegen des Lichts nicht erkennen konnte. Ich wusste, dass es jetzt ziemlich unwahrscheinlich ist, dass wir noch eine Frage bekommen.

Der neue Kandidat war ein Österreicher. Er hatte keine Begleitperson mitgebracht. Die Begleitperson muss sich immer auf einen bestimmten Platz am Rand setzen, dort steht ein Kameramann mit einer Handkamera, der z.B. beim Abstimmen für den Publikumsjoker die Hand filmt. Dieser Mann stand nun gelangweilt herum – und filmte stattdessen dauernd mich, die Kandidatin, die schräg unter ihm saß. Deswegen war ich sehr oft im Bild, was meine Bekannten bei der Ausstrahlung freute, mich hat das aber nervös gemacht.

Der Österreicher beantwortete schließlich eine Frage falsch (ich wusste sofort, dass es falsch war) und Jauch versuchte, ihn zu einem Joker zu überreden. Ich dachte: „Nimm keinen, bitte, nimm keinen“, und ich wette, den andern acht verbliebenen Kandidaten ging es genauso. Man hat überhaupt kein Gefühl dafür, wieviel Sendezeit schon vergangen ist, aber ich war mir sicher, dass es nicht mehr viel sein kann.

Der Österreicher flog raus und Jauch stellte sich tatsächlich wieder mit einer neuen Frage in Positur. War ich froh! Ich wusste, das ist meine letzte Chance. Jauch las die Frage, schüttelte den Kopf und wettete, dass das nicht mehr als drei Leute wissen – womit er auch recht behalten sollte. Und ganz bestimmt war ich nicht eine dieser drei. Ich merkte, dass die Kamera auf meine Hand gerichtet war, was mich ärgerte, konzentrierte mich aber auf die Frage, die ich ziemlich leicht fand: Ordnen Sie diese Rennfahrer aufsteigend nach der Zahl ihrer Grand-Prix-Siege in der Formel 1: A Ralf Schumacher B Michael Schumacher C Nick Heidfeld D Heinz-Harald Frenzen Ich tippte C-D-A-B ein. Als auf der Anzeigetafel dann oben mein Name blinkte und ich aufgerufen wurde dachte ich, mir bleibt das Herz stehen. Es ist mir völlig unklar, wie ich es schaffte aufzustehen und nach vorne zu gehen. Jauch drückte mir die Hand – Schnitt – und ich ging zum Verkabeln hinter die Bühne. Meine Mutter wechselte währenddessen auf den Platz der Begleitperson.

Ich interessiere mich übrigens überhaupt nicht für Formel 1, aber mein Bruder und mein Neffe sind begeisterte Fans, da bleiben gewisse Kenntnisse nicht aus.

Als ich wieder neben Jauch stand sagte er (zum Glück nur zum Saalpublikum): „Von dieser Frau können wir viel erwarten, sie leitet die Krabbelgruppe!“ Das hatte mir der Mann beim Telefoncasting entlockt, aber das war nicht gerade der Punkt in meinem Lebenslauf, der viel Wissen versprach. Ich ärgerte mich über diese Bemerkung. Ich kletterte auf den Stuhl (er ist ziemlich hoch und ich ziemlich klein) und dachte, ich müsse gleich platzen vor Aufregung. Interessanterweise haben mir hinterher viele Leute gesagt, ich wäre ja so ruhig gewesen, und gar nicht aufgeregt. Offenbar haben nur Menschen, die mich gut kennen, meine Nervosität bemerkt. Ich habe mir zum Beispiel ständig über die Lippen geleckt, was ich sonst nicht mache.

Die ersten beiden Fragen waren wirklich einfach und kein Problem. Interessand fand ich, dass man, wenn man dort in der Mitte sitzt und vom Licht angestrahlt wird, das Publikum überhaupt nicht wahrnimmt. Es gibt nur den Monitor mit den Fragen und Günter Jauch, alles andere ist vollkommen egal. Ich begann gerade, ein wenig in Schwung zu kommen, da ertönte das Schlusssignal. Nun war ich auch eine Überhangkandidatin. Das führte dazu, dass sich nach der Ausstrahlung der ersten Sendung herumsprach, dass ich bei WWM bin und wirklich jeder, den ich kenne, die Sendung anschaute. Ich nehme an, man hätte in unserem Dorf niemanden anrufen dürfen, alle saßen vor dem Fernseher.

Ich wurde wieder nach oben gebracht und sollte mich umziehen. Nun waren ja schon vorher alle meine Pullover abgelehnt worden. Die Garderobiere entschied sich schließlich für den Pullover, den ich auf der Fahrt und den ganzen Tag getragen hatte. Nicht ganz frühlingsfrisch, aber egal. In der Maske wurde ich umgeschminkt und sogar die Haare wurden ein wenig anders geföhnt. Als ich nach unten kam, machten sich dort gerade die Kandidaten der dritten Runde bereit. Alle waren sehr nett und wünschten mir viel Glück.

Ich wartete vor dem Studio und unterhielt mich mit einer Mitarbeiterin, die gerade an Jauch verzweifelte. Schon den ganzen Abend lang meckerte er an den Gläsern herum, die angeblich nach Spülmaschine stinken würden, obwohl sie mit der Hand gespült worden waren. Ich nahm eine Geruchsprobe, da war nichts.

Ich machte mir Gedanken um meine Telefonjoker, die sich ja nur eine gewisse Zeit hatten bereithalten sollen. Später erfuhr ich, dass sie angerufen worden waren. Meine Nichte war fast in Ohnmacht gefallen, als sich endemol meldete. Dann stürzte sie zu meinem Bruder und meiner Schwägerin und schaffte es kaum zu erklären, dass ich es tatsächlich bis zu Jauch geschafft habe. Dann stürmte sie zurück zu ihrem Telefon. Eine Telefonkette kam in Gang, so dass nun alle Bescheid wussten und entsprechend aufgeregt waren.

Ich wurde wieder verkabelt, Jauch kam und nahm mich mit zum silbernen Tor. Die Frau aus der Maske wedelte uns noch einmal mit einem Puder durchs Gesicht (sie störte sich an meinen Augenringen). Jauch warnte mich, ich solle bitte einen großen Schritt machen, da seien schon zwei oder drei Kandidaten der Länge nach hingeschlagen. (Nett, dass so etwas dann wenigstens rausgeschnitten wird!) Ich beherzigte die Warnung und erreichte heil meinen Platz.

Problemlos löste ich die nächsten Fragen. Dann kam diese (ich glaube, es war die 8.000-Euro-Frage):

In Bezug auf Einschulung unterscheidet man gemeinhin zwischen Kann-Kindern und …

A Kann-nicht-Kindern B Soll-Kindern C Muss-Kindern oder D Darf-Kindern

Ohne zu zögern antwortete ich: „B, Soll-Kinder.“ Jauch stutzte und fragte, warum ich das meine. Ich erklärte, dass alle Kinder, die bis zum 01.08. des Einschulungsjahres sechs Jahre alt sind, eingeschult werden. Jauch hakte nach, warum das dann keine Muss-Kinder seien. „Weil sie auch zurückgestellt werden können. Sie sollten eingeschult werden, aber sie können auch früher oder später gehen.“ Das kam so souverän, außerdem hatte Jauch ja gesehen, dass ich auf dem Schulamt gearbeitet habe und Schulfördervereinsvorsitzende bin, dass er nicht weiter mit mir diskutierte. Als er die Antwort eingeblendet bekam, war er entsetzt. Muss-Kinder war richtig, und er hatte nicht einmal versucht, mich zu einem Joker zu überreden! Es tat ihm sichtlich leid. Ich sagte ihm aber, dass ich keinen Joker genommen hätte, weil ich mir ja absolut sicher war. Er versprach, sie würden das noch einmal überprüfen, und sofort rannten die Redaktionsassistenten an die Computer.

Ich bekam einen Platz hinter den Kulissen, der nächste Kandidat kam dran. Das ging aber alles an mir vorbei, weil ich an meinem Verstand zweifelte. Später sagte Jauch dann, dass sie nichts gefunden haben. Ich habe natürlich zuhause tüchtig gegoogelt, mit demselben Ergebnis. Mittlerweile ist mir klar, dass ich mich durch meine Verwaltungsausbildung habe irreführen lassen. Im juristischen Sprachgebrauch ist es tatsächlich so, dass es bei „muss“ keine Ausnahme gibt, während „soll“ einen gewissen Spielraum eröffnet. Nur dass das in der Alltagssprache völlig egal ist, das habe ich nicht bedacht. In Thüringen kennt man übrigens weder den Begriff des Kann- noch den des Muss-Kindes. Eine hessische Schulsekretärin erklärte, Soll-Kinder seien etwas anderes und Muss-Kinder hießen offiziell Pflicht-Kinder.

Nach dem Ende der dritten Runde wurden noch Fotos von allen Kandidaten mit Jauch gemacht, das Foto wurde mir später zugeschickt. Er hat sich mit mir unterhalten und sich noch einmal entschuldigt, weil er mir keinen Joker aufgeschwatzt hat, aber das war ja nun wirklich nicht seine Schuld.

Wir wurden mit einem Bus zu unserem Hotel in der Nähe des Bahnhofs gebracht. Als Erstes riefen wir die Telefonjoker und die Familie an, um alle von der Spannung zu erlösen. Dann unterhielten wir uns noch eine Weile mit den anderen Kandidaten, bevor wir ins Bett gingen. Ich hätte mir das sparen können, schlafen konnte ich ohnehin nicht.

Bis zum folgenden Tag hatte ich den Schreck überwunden. Ich war dabeigewesen, hatte viel gesehen und erlebt, es war ein toller Tag und ich habe immerhin 500 Euro gewonnen. Natürlich war es ein bisschen ärgerlich, aber was soll’s.

Aber damit war es noch nicht vorbei: Ich wurde jahrelang (wirklich, ohne Übertreibung) darauf angesprochen: Der Bo-Frost-Fahrer, die Kassiererin, die Verkäuferin an der Fleischtheke, die Arzthelferin, die Ärztin, natürlich alle Freunde und Bekannten, das ganze Dorf – nach meinem Eindruck hatte jeder die Sendung gesehen, jeder wollte wissen, wie es war, ob ich sehr traurig bin, wie Jauch so ist und mir erzählen, was er von der Frage hält. Eine Frau sagte mir, es wäre peinlich gewesen, ansonsten gab es nur nette Reaktionen. Sogar ein Job-Angebot bekam ich: Ein Herr von einem Parfümvertrieb rief an und meinte, ich wäre so gut rübergekommen, und gerade in meiner Gegend würde ihnen noch jemand fehlen. Da ich keine Ahnung von Parfüm habe und noch weniger Lust, es Leuten auf dem Supermarktparkplatz aufzuschwatzen, habe ich dankend abgelehnt.

Ich habe es verbucht unter „Spannende Erfahrungen“. Ganz sicher war das ein Tag, den ich niemals vergessen werde, dem Geld trauere ich nicht hinterher.

4 Gedanken zu “Erfahrungen einer Quizshow-Kandidatin Teil 3

  1. Daniela!!! Ich hätte nur den Ausdruck „Kann-Kind“ gekannt. Mein Sohn war ein Kann-Kind? Boah, wenn ich mir vorstelle, da zu sitzen, die ganzen AKmeras und dann wollen dich auch noch meine Pullover nich und meine Augenringe… 🙂 Jessas. Toller Bericht!

  2. Fünfhundert EUR sind ja letztendlich auch immer noch ein schöner Stundenlohn. Meinen Glückwunsch also noch nachträglich, dass sie so weit vorgedrungen sind.
    Ich selbst bin bei bisher zwei Castings durchgerasselt, weil ich viel zu schnell geantwortet und viel zu viel gewusst hätte. So jedenfalls drückten sich die Assistentinnen aus.

  3. Das war aber spannend zu lesen! Auch wenn es nicht wünschenswert (mit der Million in der Tasche) ausgegangen ist, habe ich förmlich mitgefiebert. War sicherlich eine außergewöhnliche Erfahrung.

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