Ken Follett: Sturz der Titanen

Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Scheinbar läuft alles seinen geordneten Gang: Walisische Bergarbeiter arbeiten unter gefährlichen Bedingungen, während der adelige Grubenbesitzer Gesellschaften abhalten und Hausmädchen verführen, russische Bauern und Fabrikarbeiter müssen trotz harter Arbeit hungern und leiden, die Vereinigten Staaten sind für viele Menschen ein Traumziel, das die Hoffnung auf ein Leben ohne Not verkörpert. Doch allmählich gerät die feststehende Ordnung ins Wanken, da die einfachen Menschen beginnen, um mehr Rechte zu kämpfen. Da wird der österreichische Thronfolger in Sarajewo erschossen. Diplomaten aus vielen europäischen Ländern versuchen, einen Krieg zu verhindern – und scheitern. Vor kurzem noch befreundete Menschen stehen sich plötzlich an der Front gegenüber. Die einen kämpfen um ihr Leben, die anderen um ihre Liebe, und alle fürchten um Angehörige.

Ken Folletts Roman beginnt mit einer mehrere Seiten umfassenden Vorstellungen der Protagonisten, die den Leser zunächst erschreckt. Während des Lesens des 1000-Seiten-Werks war es jedoch nicht einmal notwendig, dorthin zurückzublättern. Die Handelnden werden nach und nach eingeführt, so dass es leichtfällt, sie zu merken und wiederzuerkennen. Die Handlung beginnt 1911 in Aberowen, einem kleinen Bergarbeiterstädtchen in Wales. Der dreizehnjährige Billy fährt zum ersten Mal ein die Mine ein. Seine ältere Schwester Ethel arbeitet währenddessen beim örtlichen Landbesitzer Earl Fitzgerald, der mit einer russischen Adeligen verheiratet ist, und bereitet ein Treffen von jungen Diplomaten aus Deutschland, Österreich und den USA mit dem König vor. Bei dieser Gelegenheit trifft die Schwester des Earls den Deutschen Walter von Ulrich wieder und verliebt sich in ihn.

Ethel bekommt die Chance, die Funktion der Haushälterin zu ergreifen. Als der Earl eine Affaire mit ihre beginnt und sie schwanger wird, muss sie das Anwesen verlassen. Auch die Familie verstößt sie, so dass sie versucht, in London eine neue Existenz aufzubauen.

Zur gleichen Zeit sparen in St. Petersburg die Brüder Grigori und Lew für eine Auswanderung in die USA. Grigori hat fast genug beisammen. Er will vorausgehen, Geld verdienen und Lew nachholen. Doch dann schützt er die junge Katharina vor der Willkür zweier Polizisten und verliebt sich. Sein Bruder kommt ebenfalls mit dem Gesetz in Konflikt und flieht – mit der Schiffsfahrkarte Grigoris …

Es ist kaum zu glauben, dass diese unterschiedlichen Menschen im Verlauf des Buches immer wieder, direkt oder indirekt, miteinander zu tun haben. Globalisierung ist ein Begriff, der erst für das Ende des 20.Jahrhundert verwendet wird, doch beim Lesen des Romans wurde mir bewusst, dass die Geschicke der Menschen schon viel früher auf vielfältige Weise verknüpft waren, erst recht in Zeiten des Krieges. Ich habe dieses Buch verschlungen. Von den 1020 Seiten erschien mir keine als überflüssig. Manchmal verlässt die Erzählung den einen oder anderen Protagonisten für relativ lange Zeit, immer hatte ich im Hinterkopf die Überlegung, wie es wohl denjenigen gerade ergeht, die nicht vorkommen. Jeder Handlungsstrang hat seine Berechtigung. Follett gelingt es, ein umfassendes Bild der Situation vor dem ersten Weltkrieg, der vielfältigen diplomatischen Bemühungen zu seiner Verhinderung, der Haltung der Kriegstreiber und des Krieges selbst mit seinen Auswirkungen auf die verschiedenen Völker im allgemeinen und die Protagonisten im besonderen zu zeichnen. Auch wenn ich nicht beurteilen kann, ob jedes Detail historisch korrekt dargestellt ist, habe ich doch den Eindruck, dass er hervorragend recherchiert hat. Unrealistisch fand ich lediglich, dass letztlich alle Hauptcharaktere nicht nur unbeschadet durch den Krieg kamen, sondern fast alle auch noch Karriere gemacht haben – aber gut, das sei einem Roman gestattet. Sympathisch war auch, dass die Deutschen nicht pauschal als die Bösen dargestellt werden, sondern gezeigt wird, dass es auch innerhalb Deutschlands sehr unterschiedliche Auffassungen zur Notwendigkeit eines Krieges gab. Die völkerverbindende Liebe zwischen Lady Maud und Walter von Ulrich dagegen erschien gelegentlich übertrieben.

Auf jeden Fall handelt es sich auch bei Folletts neuestem Werk um ein absolut lesens- und empfehlenswertes Buch – bestimmt bin ich nicht die einzige, die sich bereits jetzt auf Band 2 und 3 der Trilogie freut, die letztendlich die Zeit bis zum Fall der Mauer umfassen soll.

Ken Follett: Sturz der Titanen. Luebbe 2010, 1022 Seiten, Euro 28,- , ISBN 978-3-7857-2406-4.

6 Gedanken zu “Ken Follett: Sturz der Titanen

  1. Pingback: Ken Follett: Kinder der Freiheit « Wortakzente

  2. Ich kann das Buch auch nur empfehlen! Ich bin zwar noch nicht ganz durch, aber schon nach den ersten Seiten wusste ich, dass auch dieser Follett-Roman wieder absolut top ist! Und dann gibt es auch noch zwei Fortsetzungen, was will man mehr?! 🙂
    Viele Grüße Eva

    • Ja, das sind wirklich tolle Aussichten. Es kommen ganz viele Leute auf dieses Blog mit dem Suchbegriff „Sturz der Titanen Teil 2“. Witzig, irgendwann muss Follett diese Wälzer ja erst mal schreiben!

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