Cornelia Vospernik: Genosse Wang fragt

Dies ist wieder eine Rezension für Blogg dein Buch.

Genosse Wang arbeitet als Journalist bei der großen chinesischen Zeitung „Volksblatt“. Nicht nur während der Arbeit, sondern auch in allen anderen Situationen seines Lebens ist er auf der Suche nach dem passenden Wort, der passenden Formulierung. Er denkt, solange er nicht weiß, wie etwas „richtig“ genannt werden sollte, kann auch sein Leben nicht funktionieren. Er hält sich für unfähig zu lieben, für unfähig, ein normales Leben zu leben. Und er hat einen Traum: Er möchte bei einer Pressekonferenz eine Frage stellen, eine „echte“ Frage, die Missstände aufzeigt und nicht vorher abgesprochen wurde – so wie die westlichen Journalisten. Aber es stellt sich heraus, dass das gar nicht so einfach ist …

Genosse Wang ist dem Leser sofort sympathisch, wie er da an seinem Schreibtisch sitzt, von Selbstzweifeln geplagt, auf der Suche nach dem richtigen Wort und betört von dem Geruch von Genossin Zhang, die den Mitarbeitern der Redaktion immer den Tee bringt. Wang wirkt nach außen angepasst und langweilig, doch in seinem tiefsten Inneren ist er ein Rebell. Tagelang schon formuliert er an einer Frage, die er auf der nächsten Pressekonferenz stellen will. Eine kritische Frage soll es sein. Wenn er dafür ins Umerziehungslager kommt oder ihm gar schlimmeres drohen sollte, egal! Er fühlt sich dermaßen bedeutungslos, dass er wenigstens einmal im Leben etwas machen möchte, was ihn aus der Masse heraushebt. Mit ihm zusammen erlebt der Leser, wie eine Pressekonferenz in China abläuft. Mit ihm zusammen schwitzt und bangt er, was wohl geschehen wird, wenn er seine Frage gestellt hat. Als dann plötzlich alles ganz anders kommt, möchte man ihn am liebsten trösten.

Es ist merkwürdig: Wang hält sich für eine gescheiterte Existenz. Doch je verzweifelter er ist, desto erfolgreicher ist er auch. Nicht unbedingt in seinen eigenen Augen, aber in den Augen der Gesellschaft. Er erfährt Lob von seinem Chef und Bewunderung von jüngeren Kollegen – und sogar die Journalisten aus dem Ausland kann er von seinem Mut überzeugen. Als Kind fühlte Wang sich wunderbar sauber, wenn seine Mutter ihn mit heißem Wasser und Seife geschrubbt hat, doch nun kann er sich waschen, so viel er will, rein fühlt er sich nie. Und vor allem nicht gut genug für die wundervoll duftende Zhang. Weil er nie wagt, die Menschen um sich herum genau anzuschauen, merkt er gar nicht, dass sie sich auch zu ihm hingezogen fühlt.

Genosse Wang fragt gewährt Einblicke in das Leben und die Arbeit der Presse in China. Dieser Aspekt des Buches ist interessant und, da er in einem ironischen Ton dargestellt wird, häufig auch amüsant. Besonders spannend fand ich die Überlegungen darüber, wie Einschränkungen der persönlichen Freiheit in China in Freiheiten in anderen Bereichen münden, weshalb beispielsweise viele kleine Gesetzesübertretungen wie Verkehrsvergehen im Gegensatz zu westlichen Demokratien in China nicht geahndet werden, oder Wangs Gedanken zur Pressefreiheit. Hier merkt man, dass die Autorin genau weiß, wovon sie spricht, war sie doch einige Jahre als ORF-Korrespondentin in China, wo sie sicherlich so manche Pressekonferenz miterlebt hat und Einblicke in das Alltagsleben der Chinesen gewinnen konnte.

Sogar noch interessanter war für mich jedoch die Schilderung des innerlich zerrissenen Wang, der sich viel zu viele Gedanken über alles und jedes macht, vor allem über das richtige Wort. Er ist ein psychisch kranker Mensch, die Frage ist, inwieweit die chinesische Gesellschaft für seinen Zustand verantwortlich ist. Seine Zerrissenheit ist gut beschrieben und nachzuvollziehen. Durch die gedanklichen Rückblicke erfährt man, warum er zu dem Menschen geworden ist, der er ist.

Nicht immer ist das Buch ganz einfach zu lesen, denn Wangs Gedanken schweifen oft ab, wandeln (manchmal etwas zu langatmig) zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Realität und Wunschdenken. Hat man sich jedoch erst einmal eingelesen, fiebert man mit dem Geschehen mit und drückt Wang die Daumen, dass es ihm gelingen wird, DIE richtige Frage zu stellen. Ob er es schafft, soll hier jedoch nicht verraten werden.

Gleichzeitig ein lesenswertes Psychogramm und ein gelungener Einblick in einen mir bisher unbekannten Aspekt Chinas, die Pressewelt.

Cover_Vospernik_GenosseWangfragt

Cornelia Vospernik: Genosse Wang fragt. K & S 2012, 192 Seiten, Euro 22,–, ISBN 978-3-218-00848-8. Hier geht es zur Verlagsseite und hier zur Bestellung.

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