Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts

Was ist im Jahr 1913 passiert? Im Rückblick sehen wir heute den drohenden Ersten Weltkrieg, doch die Zeitgenossen lebten noch völlig unbeschwert davon. Es war ein Jahr, in dem sehr viel passierte, nicht nur in der Politik, sondern auch in Kunst und Literatur. Monat für Monat beschriebt Illies die Ereignisse, aber nicht nur die allgemein bekannten. Er erwähnt auch Menschen, die erst viel später berühmt oder bedeutsam werden. So wird beispielsweise nicht nur der Mann geboren, der später einmal Trotzki umbringen wird, sondern auch Gerd Froebe. Seltsame Zufälle werden offenbar, zum Beispiel waren Stalin, Trotzki und Hitler gleichzeitig in Wien, alle drei damals noch unbekannte Männer. Unwichtiges (Rilke hat Schnupfen, Thomas Mann sucht nach einem Haus), Alltägliches (Es regnet, 1913 hatte den kältesten August des 20. Jahrhunderts zu bieten) wechselt mit Bedeutsamen (Prousts „Eine Liebe von Swann“ erscheint).

Es wird nicht „geordnet“ ein Thema nach dem anderen abgehakt, beispielsweise zunächst das Schicksal der Künstlergruppe „Die Brücke“, danach die Beziehung Werfels zu Alma Mahler und später der Briefwechsel von Franz Kafka mit seiner Felice, sondern der Leser erhält die Informationen häppchenweise. Wie ein Zeitgenosse täglich aus der Zeitung vom Fortgang der Dinge erfuhr oder bei einem Treffen etwas gerafft darüber informiert wurde, was es Neues über XY gibt, taucht auch der Leser in das Jahr ein und erhält buntgemischte Informationen. Diese vermitteln, alle zusammen genommen, nicht nur ein ein gutes Bild darüber, was im Jahr 1913 geschah, sondern – viel aufschlussreicher – was die Menschen fühlten und dachten. 1913 hielten zum Beispiel sehr viele Menschen einen Krieg für unmöglich hielten, was ich wiederum nie gedacht hätte.

Manche Ereignisse aus diesem Jahr sind sattsam bekannt, andere wissen sicher nur Experten oder sie sind in dem allgemeinen Wissen über eine Person nicht dem speziellen Jahr zuzuordnen: Welche Bücher erschienen und waren besonders beliebt (Ein Fantasyroman, in dem ein Tunnel zwischen Europa und Amerika genaut wird), welche Filme liefen, wer liebte und entliebte wen, wer war gesund, wer krank, wer starb, wer wurde geboren, welche politischen Ideen wurden entwickelt, welcher Wissenschaftler machte Fort- oder Rückschritte. Das klingt nach einem unglaublichen Durcheinander, aber Illies gelingt es, einen roten Faden zwischen diesen vielen Protagonisten und Einzelereignissen zu spannen und aufrechtzuerhalten.

Ich habe dieses Buch sicherlich mit Gewinn gelesen, aber ich muss zugeben, dass ich mich stellenweise auch gelangweilt habe. Zu sehr wurde für meinen Geschmack der Blick auf die Kunstszene geworfen, die mich nicht so sehr interessiert und von der ich auch wenig Ahnung habe. Das ist natürlich eine ganz persönliche Einschränkung. Die Schilderungen über die Literaturszene fand ich dagegen höchst interessant. Für meinen Geschmack hätte auch die Politik eine etwas größere Rolle spielen dürfen. Die Idee finde ich nach wie vor großartig und die Umsetzung mit Einschränkungen gelungen. Ich konnte das Buch allerdings nicht in einem Rutsch lesen, die Menge an Namen und Ereignissen erschlägt einen leicht. Zu lang durften die Pausen zwischen den Kapiteln allerdings auch nicht werden, denn dann habe ich den Faden verloren und musste ein Stück zurücklesen.

Fazit: eine interessante, aufschlussreiche Lektüre mit gelegentlichen Durchhängern.

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Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts. Fischer 2012. 319 Seiten, Euro 19,99, ISBN 978-3-10-036801-0

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4 Gedanken zu “Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts

  1. Ich lese das Buch auch gerade und mag es sehr. Spannenderweise gerade wegen der Kunstszene und der Plaudereien aus dem Alltag. So hat zum Beispiel die Szene als Else Lasker Schüler unter der Brücke schläft und ihren Kaffe zusammenbettelt mein Interesse an ihr geweckt. Allerdings kann ich das Buch auf Grund der aneinandergereihten Momente auch nur stückweise lesen.

    • Die Plaudereien aus dem Alltag fand ich auch spannend, aber bei den Malern gab es einige, von denen ich noch nie gehört hatte. Das ist natürlich meine Bildungslücke und nicht schuld des Buches! Und ich habe auch kein Problem, dazuzulernen. Aber ich verlor dann leicht mal den Überblick, wer es war, der im letzten Kapitel dies oder jenes gemacht hatte.

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