„Ein sinnloses, brutales Verbrechen an unschuldigen, kleinen Mädchen“ – Ein Interview mit Waris Dirie

Waris Dirie wurde durch ihr Buch Wüstenblume  bekannt. Sie beschrieb darin ihre Lebensgeschichte: die harte Kindheit als Nomadenmädchen, die grausame Beschneidung, die Flucht vor der Zwangsverheiratung, ihre Zeit in London, wo sie fast wie eine Sklavin in der Familie von Verwandten arbeiten musste. Sie floh, schlug sich mit einem Job bei einer Fast-Food-Kette durch und wurde schließlich als Model entdeckt. Heute engagiert sich Dirie weltweit gegen die Beschneidung von Frauen (Female Genital Mutilation, FGM).

In dem auf dem Buch basierenden Film spielte eine Dreijährige Waris als Kind, Safa, zu der Dirie noch heute Kontakt hat. Von dem Versuch, die kleine Safa vor der Beschneidung zu bewahren und dem daraus resultierenden Patenschaftsprogramm ihrer Stiftung Desert Flower Foundation handelt ihr neues Buch Safa. Die Rettung der kleinen Wüstenblume (Rezension),  zu dessen Erscheinen ich ein E-Mail-Interview mit Waris Dirie führen durfte:

Cover_Dirie_Safa_klein

wortakzente: Sehr geehrte Frau Dirie, vielen Dank, dass Sie meine Fragen für das wortakzente-Blog beantworten wollen. Sie haben viele Auszeichnungen für Ihr Engagement bekommen. Zu Beginn von „Safa“ kritisieren Sie, dass zwar viel über das Thema FGM (Female Genital Mutilation, Beschneidung bei Frauen) gesprochen wird, dies jedoch keine Folgen hat: Es werden keine Gesetze erlassen, um die Beschneidungen zu verbieten bzw. bestehende Verbote nicht überwacht. Haben Sie trotzdem das Gefühl, neben weltweiter Betroffenheit etwas für die Frauen erreicht zu haben?

Waris Dirie: Natürlich habe ich mit meiner Desert Flower Foundation eine ganze Menge erreicht. Die Durchsetzung von Gesetzen gegen Female Genital Mutilation in vielen Ländern der Welt wurde von uns wesentlich beeinflusst.  Die Initiierung und Unterstützung von zahlreichen Kampagnen gegen Female Genital Mutilation hat das internationale Interesse an diesem schrecklichen Thema geweckt. Durch Direkthilfe konnten wir viele Mädchen vor Genitalverstümmelung retten und nun werden Opfer von Female Genital Mutilation ganzheitlich medizinisch im Desert Flower Center Berlin behandelt und betreut.

wortakzente: Wissen Sie, ob es seit Erscheinen Ihres ersten Buches „Wüstenblume“ einen Rückgang der FGM gegeben hat? Was hat sich getan?

Waris Dirie: Es hat sich unglaublich viel getan seit 1997. Female Genital Mutilation ist in vielen Ländern rückläufig und es haben sich zahlreiche neue Organisationen dieses Themas angenommen. Es wird viel getan, aber das ist immer noch nicht genug. 

wortakzente: Im Buch hat wird deutlich, dass immer wieder Zweifel aufkamen, ob die kleine Safa nicht doch in der Zeit seit der letzten Untersuchung beschnitten wurde, weil die Eltern nicht wirklich an der Praxis der Beschneidung zweifeln, sondern nur aus wirtschaftlichen Gründen darauf verzichten. Das wird sicher bei vielen anderen Familien ebenfalls so sein. Wie will die Stiftung absichern, dass die Mädchen nicht in dem Moment beschnitten werden, wenn der Vertrag ausläuft? Dann fallen die Vergünstigungen weg und die Mädchen sollen verheiratet werden. Inab, von der im Buch berichtet wird, war auch schon 13 Jahre alt.

Safa_und_Inab Safa und Inab

Waris Dirie: Wir begleiten die Mädchen bis zum Ende ihrer schulischen Ausbildung. Und das wird noch einige Jahre dauern. Für die Eltern gibt es jedes Jahr Workshops, an denen sie verpflichtend teilnehmen müssen und wir holen auch die Regierungen mit an Bord, denn es ist natürlich auch deren Verpflichtung, diesem Verbrechen ein Ende zu setzen. Ich hoffe, dass unser Projekt nachhaltig die Gesellschaft verändert und man Female Genital Mutilation als das erkennt, was es ist. Ein sinnloses, brutales Verbrechen an unschuldigen, kleinen Mädchen.

wortakzente: Sie haben eine Stiftung gegründet, die Mädchen vor der Beschneidung bewahren soll, indem sie mit den Müttern einen Vertrag abschließen, in dem sie sich verpflichten, die Töchter nicht beschneiden zu lassen. Außerdem müssen sie Aufklärungs-Workshops besuchen. Als Gegenleistung werden die Familien finanziell unterstützt, die Stiftung sorgt für den Schulbesuch und die medizinische Betreuung der Mädchen. Haben schon viele kleine „Wüstenblumen“, wie Sie sie nennen, einen Paten gefunden?

Waris Dirie: Die Anfragen sind enorm. Sowohl von den Eltern in Afrika als auch von den Menschen, die die Familien als Paten unterstützen wollen. Ich bin sehr glücklich über diese Entwicklung.

Kleine_Wüstenblumen Die ersten kleinen Wüstenblumen

wortakzente: Ist es nicht problematisch, wenn der Vertrag nur mit den Müttern geschlossen wird. Sind nicht die Väter diejenigen, die in den Familien das Sagen haben?

Waris Dirie: Die Mädchen werden zweimal pro Jahr medizinisch von unseren Kinderärzten vor Ort untersucht. Wenn die Familien sich nicht an die Vereinbarungen halten, fällt die Unterstützung sofort weg.

wortakzente: Warum hat sich die Stiftung entschieden, nur die Mütter zu schulen? Ist es nicht ebenso notwendig, die Haltung der Männer zu ändern, die eine unbeschnittene Frau für schmutzig halten?

Waris Dirie: Die Schulungen sind für die ganze Familie und alle Familienmitglieder sind eingeladen. Vater oder Mutter müssen aber verpflichtend dabei sein.

wortakzente: In Europa reagieren die Menschen meist sehr betroffen, wenn sie von ihrem Schicksal erfahren. Wie sind die Reaktionen in ihrer Heimat? Gibt es Menschen, die sie als Verräterin Ihrer Kultur betrachten?

Waris Dirie: Natürlich gibt es die auch. Aber es werden immer weniger und die Anzahl derer, die mich unterstützen steigt beträchtlich.

wortakzente: Sie haben vergangenen Herbst in Berlin das Desert Flower Center gegründet, eine Klinik, in der Opfer der FGM chirurgisch, medizinisch und psychologisch betreut werden können. Warum ausgerechnet in Berlin? Sind weitere Zentren geplant, auch in afrikanischen Ländern?

Waris Dirie: Ich habe 2012 einen Vortrag über die Arbeit meiner Foundation bei einem internationalen, medizinischen Kongress im Krankenhaus Waldfriede gehalten. Die Ärzte waren sehr beeindruckt und haben spontan Hilfe zugesagt. So ist die Idee, ein Desert Flower Center zur ganzheitlichen Behandlung von Female Genital Mutilation Opfern entstanden. Nach der Eröffnung haben sich Spitäler, Ärzte und NGO’s aus der ganzen Welt gemeldet und uns eingeladen, mit ihnen ebenfalls Desert Flower Centers zu eröffnen. Noch ist das Desert Flower Center in Berlin ein Pilotprojekt, aber wir planen natürlich weitere Centers und als nächstes großes Projekt ein eigenes Desert Flower Spital in Afrika.

Love, Waris

wortakzente: Ich danke Ihnen für das Interview und wünsche viel Erfolg, damit so viele Mädchen wie möglich vor FGM verschont bleiben!

Safa beim Verlag – bei Amazon

Vielleicht sind einige Leserinnen und Leser daran interessiert, eine Patenschaft für eine kleine „Wüstenblume“ zu übernehmen. Mich hat Safa nach der Lektüre noch lange beschäftigt. Zufällig läuft diesen Monat unser Patenschaftsvertrag für eine junge Frau aus Uganda aus, die ihre Ausbildung abgeschlossen hat. Daher habe ich mich nach einigen Tagen des Nachdenkens entschlossen, eine Patenschaft für eine kleine „Wüstenblume“ zu übernehmen und würde mich freuen, wenn sich viele Leser ebenso entscheiden. Nähere Informationen dazu erhaltet ihr auf der Seite der Desert Flower Foundation.

9 Gedanken zu “„Ein sinnloses, brutales Verbrechen an unschuldigen, kleinen Mädchen“ – Ein Interview mit Waris Dirie

  1. Kirchentag | Am 27. Mai 2017 warb Aus der Au sinngemäß dafür, die Beschneidung des Geschlechtsorgans eines muslimischen Mädchens zu tolerieren und diese FGM besser durch einen ausgebildeten Arzt durchführen zu lassen als durch einen Laien im Hinterhof.

    Strafanzeige wegen Billigung bzw. Bewerbung der weiblichen Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) und wegen Aufruf an Ärzte zur Durchführung der FGM gegen Prof. Dr. Christina Aus der Au, Theologin, Frauenfeld (TG), Schweiz

    https://eifelginster.wordpress.com/2017/05/31/470/

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  5. Oh, dann muss ich mir das Buch dringend kaufen. Sie wird bald in Wien in der Stiftung mitarbeiten, da sie Berlin nur im Herbst gesehen hat, habe ich sie für den Sommer eingeladen. Die Inabs dieser Welt sind unsere kleinen Schwestern!

    • Vielen Dank für die interessante Ergänzung! Ich kann mir vorstellen, wie fordernd das Dolemtschen bei solch einem Thema ist.
      Inab spielt im Buch „Safa“ eine wichtige Rolle. Sie hat es sich zum Ziel gemacht, anderen Frauen und Mädchen zu helfen.

      • Oh, dann muss ich mir das Buch dringend kaufen. Sie wird bald in Wien in der Stiftung mitarbeiten, da sie Berlin nur im Herbst gesehen hat, habe ich sie für den Sommer eingeladen. Die Inabs dieser Welt sind unsere kleinen Schwestern!

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