Rachel Joyce: Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte

Inhalt:

England 1972: Diana durfte den Führerschein machen und hat von ihrem Mann Seymour einen tollen silbernen Jaguar bekommen. Er dient vor allem dazu, die Kinder Byron und Lucy zur Schule zu fahren und vor den anderen Müttern Eindruck zu schinden. Seymour arbeitet in London bei einer Bank und kommt nur am Wochenende nach Hause. Aber täglich ruft er an, kontrolliert seine Frau und will wissen, ob der Jaguar immer noch Eindruck hinterlässt. Diana scheint die perfekte Hausfrau und Mutter zu sein, die alles hervorragend regelt. Doch eines Tages nimmt sie auf dem Schulweg eine Abkürzung durch ein übel beleumdetes Viertel. Es kommt zu einem Unfall, der zunächst nur von Byron bemerkt wird, der aber bald das Leben der ganzen Familie auf den Kopf stellt. Zusammen mit seinem Freund James versucht Byron zu helfen, macht aber alles nur immer noch schlimmer.

In jedem zweiten Kapitel, das in der heutigen Zeit spielt, erlebt der Leser die traurige Geschichte von Jim. Er lebte lange in einer Nervenheilanstalt, wo die Elektroschockbehandlung sein Gedächtnis zerstörte. Obwohl von vielen Zwangshandlungen eingeschränkt und kaum für das Leben „draußen“ tauglich, wurde er bei der Schließung des Heims entlassen und muss nun sehen, wie er zurechtkommt. Er arbeitet in einem Café, wo er krampfhaft versucht, Gästen und Kollegen aus dem Weg zu gehen. Doch dann stürmt die chaotische Eileen in sein Leben.

Meine Meinung:

Von der Seitenzahl her hätte ich das Buch an wenigen Abenden lesen können. Aber es zog nicht. Ich las mal ein Kapitel und mal zwei. Immer in der Hoffnung, dass ich endlich den Punkt erreiche, an dem es mich fesselt. Schließlich war ich doch vom Vorgänger Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harols Fry (Rezension) so begeistert gewesen, da musste der Funke doch irgendwann überspringen! Ich erreichte Seite 100. Da sprang nichts. Ich las bis 200. Immer noch nichts. Erst um Seite 300 herum, als sich die Ereignisse immer mehr zuspitzten, wurde ich gefesselt und las den Rest in einem Rutsch.

Ich kann nicht einmal genau erklären, woher das anfängliche Gefühl der Lähmung kam. Im ersten Erzählstrang, Byrons Geschichte, dräut von Anfang an das Unheil. Ziemlich schnell ahnte ich, dass etwas passieren muss. Etwa nach der Hälfte entwickelte ich eine recht genaue Vorstellung davon, was passieren wird (womit ich aber nur teilweise richtig lag). Aber ich wurde einfach nicht gefesselt. Vielleicht lag das daran, dass die Charaktere überwiegend unsympathisch waren. Ich will nicht sagen unglaubwürdig, sicher hat es solche Menschen gegeben und gibt es noch, denen nur wichtig ist, dass nach außen hin alles stimmt. Aber in dieser Menge … Seymour, der Vater – schrecklich. Die anderen Mütter – mindestens genauso furchtbar. Beverly – nutzt die Situation schamlos aus, was auf der ersten Seite ihres Auftretens schon offensichtlich war und sich erwartungsgemäß zuspitzte. Die Kinder – irgendwie komisch. Diana tat mir ein wenig leid, zugegeben. Auch wenn es mir zunächst nicht klar war, dreht sich alles um sie, die Frau, die krampfhaft versucht, ein perfektes Leben zu leben oder wenigstens den Anschein zu erwecken. Dies gelingt ihr lange hervorragend, bis ein kleiner Fehler die mühsam aufgebaute Fassade nach und nach zum Einbrechen bringt.

Lange gab es niemand, den ich wirklich ins Herz geschlossen und um dessen willen ich hätte wissen wollen, wie es weitergeht.Bis zu jenem gewissen Punkt … Joyce ist es hervorragend gelungen, die Kälte der dargestellten Gesellschaftsschicht zu zeigen. Nur macht sie das leider so gründlich, dass es mich als Leserin auch über (zu) viele Seiten kaltließ. Die übertriebene Aufregung wegen eines Autounfalls, bei dem nichts passiert ist und der die Eskaltion alles anderen auslöst, fand ich lange Zeit nur nervig. Am Schluss jedoch fand ich alles logisch aufgebaut.

Der zweite Erzählstrang, der in der Gegenwart spielt, war mir sympathischer. Ein junger Mann, Jim, lebte in einer Nervenheilanstalt, bis diese geschlossen wurde. Er muss sich nun im richtigen Leben behaupten, was ihm aufgrund seiner Zwangsneurosen sehr schwerfällt. Ich dachte ja, dass ich recht bald die Verbindung zu den Personen aus den 70er-Jahren hergestellt hatte, aber wie sich herausstellte, hatte ich mich gewaltig getäuscht. Hier treten einige teilweise etwas chaotische Personen auf, die aber dennoch liebenswert sind. Vor allem Eileen, die sich rührend, aber auch tolpatschig darum gemüht, Jims Liebe zu gewinnen, war mir sympathisch. Aber auch Jim, den man, obwohl fast lebensuntüchtig, einfach allein ins Leben gestoßen hat, interessierte mich. Auch hier wieder eine große Portion Gesellschaftskritik am Rande: Wie kann es sein, dass man so mit psychisch kranken Menschen umgeht? Am Ende litt ich sehr mit Jim, hoffte, dass er doch noch die Kurve kriegt und war überrascht über die abschließenden Ereignisse.

Auf dem Umschlag wird die Times zitiert: „Sie werden dieses wilde, suchende Buch am Ende jedem empfehlen, den sie kennen.“ Öhm. Nein, das werde ich nicht. Das ist schade, denn ich hatte mich wirklich auf dieses Buch gefreut. Ich bin ein wenig zwiegespalten, weil mich die letzten hundert Seiten doch gefesselt haben. Durch die dreihundert Seiten davor habe ich mich aber durchkämpfen müssen. Ob sich das gelohnt hat? Ja, schon irgendwie. Aber ob ich das anderen Lesern nahelegen möchte? Nicht unbedingt. Man kann es versuchen und wahrscheinlich finden andere schneller den Draht als ich, schließlich gibt es viele Fünf-Sterne-Rezensionen bei Amazon – aber auch viele mit einem Punkt. Es scheint eins dieser Bücher zu sein, die niemanden unberührt lassen, wobei die Gefühle in sehr unterschiedlichen Richtungen ausschlagen.

Cover_Joyce_zweiSekunden

Rachel Joyce: Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte. Aus dem Englischen von Maria Andreas. Fischer Krüger 2013. 431 Seiten, Euro 18,99, ISBN 978-3-8105-1081-5.

Zur Verlagsseite – bei Amazon

4 Gedanken zu “Rachel Joyce: Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte

  1. Bewundernswert, dass Du nicht aufgegeben hast. Hätte ich wohl nicht geschafft … 🙂 Was die üblichen Lobhudelei-Zitate auf dem Umschlag betrifft, so werden die als Textbausteine von Leuten verfasst, die den Inhalt des jeweiligen Buchs überhaupt nicht kennen. So bleiben sie vielseitig verwendbar.

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