Katharina Schendel: Die Dunkelgräfin und die Kokosnuss

Da ich seit 15 Jahren in Thüringen lebe, weiß ich um die Vermutungen um die Identität der sogenannten Dunkelgräfin Bescheid. In einem Schloss in der Nähe von Hildburghausen lebte im 19. Jahrhundert eine Frau, die immer nur tief verschleiert in der Öffentlichkeit auftrat. Lange hielt sich die These, dass es sich um die Prinzessin Marie Thérèse Charlotte de Bourbon, die Tochter des hingerichteten französischen Königs Ludwig XVI. und seiner Frau Marie Antoinette gehandelt haben könnte. Vor Kurzem wurde erwogen, die sterblichen Überreste zu exhumieren, um eine DNA-Untersuchung durchführen zu können. Soweit die Realität. An dieser Stelle setzt der Krimi ein.

Hubertus Schmunck, im Ruhestand befindlicher Stadtchronist von Arnstadt, hält sich gerade in Hildburghausen auf, wo ein Symposium zur Dunkelgräfin stattfindet. Er erlebt, wie gespalten Bevölkerung und Experten in der Frage der Exhumierung sind, viele empfinden die Störung der Totenruhe als Frevel. Am zweiten Tag befindet er sich auf dem Weg von seiner Unterkunft zum Tagungsort, da wird ein paar Meter von ihm entfernt ein Mann von einer Kokosnuss am Kopf getroffen und bricht zusammen. Als er sich um den Verletzten kümmern will, stellt er fest, dass der Mann tot ist, es handelt sich um seinen Kollegen Zacharias Morgenstern, den Stadtchronisten von Hildburghausen. Die herbeigerufene Polizei erklärt umgehend, es habe sich um einen Unfall gehandelt, damit ist der Fall für sie erledigt. Das kann Schmunck nicht auf sich beruhen lassen. Er ruft seinen Freund, den japanischen Kriminalisten Takeo Takeyoshi zu Hilfe. Gemeinsam forschen die beiden nach und erkennen, dass einige Hildburghausener Dreck am Stecken haben. Sie machen sich Feinde, sodass sogar ihr Leben in Gefahr gerät, aber sie lassen sich nicht von ihren Nachforschungen abbringen, bis sie schließlich den Mörder gefunden und die Polizei überzeugt haben.

Die Kapitel sind abwechselnd aus der Sicht von Schmunck als Ich-Erzähler und aus der Sicht eines auktorialen Erzählers geschrieben, woran man sich schnell gewöhnt. Die beiden Hobby-Detektive, aber auch die anderen Beteiligten werden liebevoll mit ihren kleinen Eigenheiten und Marotten beschrieben. Das Detektiv-Team habe ich jedenfalls schnell ins Herz geschlossen. Da für Schmunck Essen sehr wichtig ist, wird jedes Menü detailliert erklärt – für mich zu viel, so genau muss ich nicht wissen, was gegessen wird. Allerdings eine schöne Werbung für Thüringer Küche … Da ich mich in Hildburghausen nicht auskenne, kann ich nicht beurteilen, wie genau die Beschreibungen der Örtlichkeiten mit den tatsächlichen Gegebenheiten übereinstimmen, aber ich gehe davon aus, dass man auf den Spuren der Handelnden durch die Stadt laufen könnte. Der ein wenig skurrile Fall, bei dem es mehr als eine Gelegenheit zum Schmunzeln gibt, wird plausibel aufgelöst. Ich fand den Krimi halbwegs spannend – nicht so, dass ich ihn nicht aus der Hand legen konnte oder Fingernägel abgeknabbert hätte, aber doch genug, um mich neugierig zu machen und bei der Stange zu halten. Auf jeden Fall ist der Krimi topaktuell, sogar das Ergebnis der DNA-Untersuchung kommt darin vor. Fazit: ein schöner Regionalkrimi.

Es ist der zweite Fall der beiden ungleichen Detektive. Ich glaube, den ersten Fall „Tod an der Gera“, der in Arnstadt spielt, also bei mir um die Ecke, werde ich jetzt auch noch lesen.

Cover_Schendel_Dunkelgräfin

 

Katharina Schendel: Die Dunkelgräfin und die Kokosnuss. emons 2014. Euro 9,90, 192 Seiten, ISBN 978-3-95451-379-6.

Zur Verlagsseite – bei Amazon

Ich danke dem emons-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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