Michael Tsokos: Sind Tote immer leichenblass? Die größten Irrtümer über die Rechtsmedizin

Meine Mutter ist ein Krimifan, sodass ich schon in recht frühen Jahren damit begonnen habe, Fernsehkrimis zu sehen. Der Freitagabend war bei uns für Derrick, Der Alte und ihre Kollegen reserviert. Rechtsmedizinier gab es damals noch nicht, abgesehen von Quincy, den ich aber nicht so gerne mochte. Dafür haben wir später begeistert die Krimis von Kathy Reichs gelesen und getauscht. Dann fixte sie während der Ferien meinen Sohn an, mit dem ich am Wochenende nun immer NCIS, Castle und andere Serien schaue.

Heute tritt in fast jeder Krimireihe ein Rechtsmediziner auf. Bei manchen Sachen war mir von vornherein klar, dass sie der Dramaturgie geschuldet sind. Aber es gibt hartnäckige Irrtümer über die Rechtmedizin, die vermutlich ein Krimiautor vom anderen übernimmt. Was ist also wahr und was nicht? Rechtsmediziner Michael Tsokos klärt über 40 verbreitete Irrtümer auf. Es beginnt schon damit, dass meist vom Pathologen gesprochen wird, dabei handelt es sich beim Pathologen und beim Rechtsmediziner um zwei ziemlich unterschiedliche Berufe. Und Gerichtsmediziner gibt es gar nicht mehr, das ist ein veralteter Begriff. Da hatte ich gleich mein erstes Aha-Erlebnis. Und es sollten noch etliche weitere kommen, auch wenn man sich bei einigen Punkten schon denken konnte, dass das nicht so ist wie im Fernsehen oder im Buch. Niemals kommen beispielsweise Angehörige zu einer Identifikation in den Obduktionsraum, denn sie könnten, absichtlich oder unabsichtlich, Verunreinigungen einbringen. Oder wenn später eine DNA-Spur dieses Angehörigen gefunden wird: War sie schon vorher am Toten oder ist das erst bei der Identifizierung passiert? Während des Obduzierens wird nicht gegessen, keine Musik gehört und auch keine Mentolpaste verwendet. Auch arbeiten Rechtmediziner immer zu zweit und lassen die Leichen nicht tagelang auf dem Obduktionstisch herumliegen, für den Fall, dass der Kommissar noch einmal vorbeikommt. Überwiegend arbeiten sie nicht einmal an Toten, sondern an Lebenden, um zum Beispiel abzuklären, ob häusliche Gewalt vorliegt oder eine Selbstverletzung. Und was hat es nun mit den angeblich weiterwachsenen Haaren und Fingernägeln auf sich? Die größte Enttäuschung für Krimifans: In Wirklichkeit ermitteln Rechtsmediziner überhaupt nicht selbst.

Tsokos schildert diese Irrtümer sehr kurzweilig. Er erzählt Anekdoten und bringt immer wieder Vergleiche mit populären Serien. Leider schaue ich nie den Tatort, denn Professor Börne ist sein beliebtester Bezug.

Das Buch gefällt mir gut, denn es ist nicht nur sehr informativ, die Lektüre ist auch sehr unterhaltsam. Hinterher kann man wunderbar klugscheißen, wie ich gestern bei Miami 5.0 gleich ausprobieren konnte. Auch mein Sohn hat das Buch schon fast durch, sodass wir die nächsten Krimis zusammen analysieren können.

Fazit: Genau das richtige Buch für alle Krimifans und -autoren, die sich dafür interessieren, wie es in der Rechtsmedizin wirklich zugeht.

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Michael Tsokos: Sind Tote immer leichenblass? Die größten Irrtümer der Rechtsmedizin. Droemer 2016. 192 Seiten, Euro 14,99, ISBN 978-3-426-27700-3.

Zur Verlagsseite – bei Amazon – über Buchhandel.de – und in jeder Buchhandlung.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

2 Gedanken zu “Michael Tsokos: Sind Tote immer leichenblass? Die größten Irrtümer über die Rechtsmedizin

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