Alexandra Endres: Wer singt, erzählt. Wer tanzt, überlebt. Eine Reise durch Kolumbien

Reise durch ein zerrissenes Land

Im Sommer 2016 reiste ZEIT-Reporterin Alexandra Endres mehrere Wochen durch Kolumbien. Es war die Zeit, in der die in Havanna geführten Friedensverhandlungen kurz vor dem Abschluss zu stehen schienen. Die Reise begann in Cartagena an der Atlantikküste, führte sie durch die Halbwüste Guajira nach Manaure, weiter nach Bogota, dann über Medellín nach Quibdó an der Pazifikküste. Von dort ging es entlang der Anden, durch Dschungel, Nebelwald und äußerst abgelegene Gegenden in Etappen bis nach Puerto Assis ganz im Süden, nahe der Grenze zu Ecuador. Sie beschreibt nicht nur Städte, Dörfer und Landschaften, sondern vor allem spricht sie mit den Menschen, die ihr begegnen. Diese sind sehr unterschiedlich, doch viele vereint, dass sie sich engagieren: für Kinder, für Frauen, für indigene Gruppen, für Opfer des Bürgerkriegs. Endres fragt nach der aktuellen Lebenssituation, was sich zum Besseren verändert hat, aber auch danach, was den Menschen während des Bürgerkrieges passiert ist. Unfassbar viele Menschen sind zum Opfer geworden, fast alle haben Gewalt erlebt, vor allem die Frauen, viele haben Familienangehörige verloren: Sie wurden entführt, umgebracht, von den Farc-Rebellen oder anderen Rebellentruppen angeheuert oder verschleppt und gezwungen, mitzukämpfen.

Etwa die Hälfte der gesamten Bevölkerung des Putomayo ist als Opfer des Bürgerkrieges in den offiziellen Registern der Behörden verzeichnet. Das heißt, in Wahrheit sind es vermutlich noch mehr.

Und doch muss es irgendwie weitergehen. Die Menschen, mit denen sie spricht, beeindrucken durch große Energie und den Willen, etwas ändern zu wollen. Viele haben Schlimmes erlebt, und doch sind manche sogar in der Lage zu verzeihen.

Kann es Frieden geben?

Alle Menschen, die sie trifft, fragt Endres, was sie sich vom Friedensprozess erhoffen. Was sie glauben, wie es weitergehen kann. Was passieren wird, wenn die Guerilleros ihre Waffen niederlegen und wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden sollen. Wenn sie die Nachbarn der Menschen werden sollen, denen sie so schreckliche Dinge angetan haben. Naturgemäß fallen die Antworten sehr unterschiedlich aus. So meint Schulinspektorin Fatima Muriel, Gründerin eines Frauenbündnisses udn Teilnehmerin der Friedensverhandlungen in Havanna:

„Wir haben so viel gelitten“, sagt sie, „und es gab so viele Versuche, die erfolglos verlaufen sind. Wir müssen diese Gelegenheit ergreifen, wie auch immer das Ergebnis ausfällt.“ Was bleibe den Frauen schon anderes übrig? „Wir müssen unsere Tränen abwischen und weitermachen.“

Doch es gibt auch Menschen, die gegen den Friedensvertrag stimmen wollen, wie Roberto Gómez, ein Arzt aus Medellín. Er kann nicht akzeptieren, dass der Guerillera selbst bei schlimmen Verbrechen Straffreiheit zugesichert werden soll.

Aber der Bürgerkrieg ist nicht alles, worunter das Land zu leiden hatte und hat. Drogenhandel und Kokaanbau sind nach wie vor ein Problem, die rücksichtslose und oft illegale Ausbeutung der reichen Bodenschätze des Landes zerstört die Umwelt und schadet den Bewohnern, die indigene und schwarze Bevölkerung lebt oft unter schlechten Bedingungen. Dabei sind den indigenen Völkern in der Verfassung besondere Rechte zugesichert worden.

Nelsons Aufgabe ist es, auf juristischem Weg für die Rechte der Nasa zu kämpfen. Die Verfassung von 1991 garantiert den indigenen Völkern Kolumbiens besondere Rechte, doch in der Praxis werden sie nicht immer beachtet.

Mitreißende Lektüre

Dieses Buch hat mich wirklich begeistert, weil es so viele Facetten Kolumbiens zeigt. Die Regionen sind äußerst vielfältig, die klimatischen Bedingungen, die Lebensverhältnisse, aber auch die Traditionen und Kulturen der Menschen, die dort leben. Endres spricht mit Vertretern mehrerer indigener Völker, die heute teilweise versuchen, wieder nach ihrer traditionellen Lebensart zu leben. Das geht nicht immer ohne Kämpfe oder Proteste ab, weil zum Beispiel ihr heiliges Land für den Straßenbau durchschnitten werden soll oder (illegal) Abbau von Bodenschätze abgebaut werden. Über das Leben und Denken dieser Völker zu erfahren, fand ich sehr faszinierend. Aber auch von den Trommlern aus Cartagena oder den Musikern von der Pazifikküste zu lesen und den vielen bewundernswerten Frauen, von der Umweltschützerin über die Frauenrechtlerin, der Schulinspektorin, der ersten indigene Richterin bis zur ganz normalen Frau aus dem ehemaligen Slum, war sehr spannend und aufschlussreich. Wie es in einem Buch über Kolumbien nicht anders sein kann, kommt natürlich auch Gabriel García Márquez vor, da einige seiner Bücher an den besuchten Orten spielen oder die gesungenen Lieder darin eine Rolle spielen. Wichtig und hilfreich finde ich, dass Endres auch immer wieder die Geschichte eines Ortes, einer Region oder einer Volksgruppe erläutert, zum Beispiel der schwarzen Sklaven, weil Einordnung und Verständnis sonst oft kaum möglich wären.

Vermutlich klingt es langweilig, wenn ich sage, dass das Buch lehrreich war. Langweilig war es aber nicht einen Moment. So bunt und facettenreich wie das Land, so ist auch der Inhalt. Und auch wenn das oben so klingen mag, geht es auch nicht die ganze Zeit um Gewalt, Trauma, Ängste und Zerstörung. Auch die wunderschönen Landschaften und interessanten Städte bekommen Raum, ebenso wie beeindruckende Projekte, die Hoffnung machen. Und ich habe bei der Lektüre wirklich viel gelernt!

Im Anhang des Buches sind zu jedem Kapitel weiterführende Lesetipps aufgeführt, von Artikeln der Autorin über Kolumbien über Alexander von Humboldts und Gabriel García Márquez Werken, Sachbücher bis zu Büchern moderner kolumbianischer Autoren. Darüber hinaus, und das finde ich besonders spannend, gibt es auch Hinweise auf Dokumentarfilme und die erwähnte Musik, die in diesem Buch und im Leben der Kolumbianer eine wichtige Rolle spielt. In manches davon kann man bei YouTube gleich einmal hineinhören, so konnte ich mir die Musik wenigstens vorstellen, über die gesprochen wird.

Ich glaube, was das Buch so besonders macht, ist die Neugier und Offenheit der Autorin, die jedem Gesprächspartner das gleiche Interesse entgegenzubringen scheint. Sie versteht es, die richtigen Fragen zu stellen und das Ganze in verständlicher, gut lesbarer Sprache an die Leser zu bringen.

Habe ich nichts auszusetzen? Doch, ein klein wenig. Die Fotos hätte ich mir größer und in bunt gewünscht. UUnd die handgemalten Karten erfüllen zwar ihren Zweck, hätten aber vielleicht professionell aufgearbeitet werden sollen.

Fazit: Ein tolles Buch, das ich allen ans Herz legen möchte, die sich für Kolumbien oder Lateinamerika insgesamt interessieren oder die einfach Lust darauf haben, einen nicht alltäglichen, überaus informativen und gut geschriebenen Reisebericht zu lesen.

Alexandra Endres: Wer singt, erzählt. Wer tanzt, überlebt. Eine Reise durch Kolumbien. Dumont 2017. 288 Seiten, Euro 14,95, ISBN 978-3-7701-8284-8.

Zur Verlagsseite – bei Amazon – bei Buch 7 – im Onlineshop eurer Buchhandlung – und in der Buchhandlung um die Ecke.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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