Rebecca Abe: Im Labyrinth der Fugger

Die dreizehnjährige Anna Fugger verlebt im Kreise ihrer großen Familie eine recht glückliche Kindheit im Augsburg des 16. Jahrhunderts. Sie erhält zusammen mit ihren Brüdern Unterricht, darf Bücher aus der großen Bibliothek ihres Vaters lesen, wird von diesem in seine wissenschaftlichen Versuche eingebunden, spielt mit ihren 11 Geschwistern (oder beaufsichtigt sie). Sie nimmt an großen Feiern teil und isst leckere Speisen. Allerdings ärgert sie sich darüber, dass ihre beiden älteren Brüder die Welt kennenlernen sollen und deshalb in die Filiale des Fuggerimperiums nach Venedig geschickt werden, während sie als Mädchen zu Hause bleiben muss.

Doch da passiert etwas Schreckliches: Jemand wird ermordert und Anna wird Zeugin der Ereignisse. Von da an ändert sich das Leben der Familie. Der Jesuitenpater Canisius verschafft sich immer mehr Zugang und Einfluss, bis schließlich die Mutter, bis dato überzeugte Lutheranerin, zum katholischen Glauben konvertiert. Nun werden Bücher, Musik und Geburtstagsfeiern verboten und das Leben immer freudloser. Eines Nachts werden die jüngeren Kinder in Kutschen gepackt und in Klöster gebracht.

Dort ist man entsetzlich grausam. Anna versucht zu verstehen, was da mit ihr und ihrer Familie passiert. Hängt alles damit zusammen, dass nach dem Tod ihres Großvaters die weitere Leitung des Fuggerimperiums ungeklärt ist? Ist Pater Canisius gut oder böse? Hat er seine Finger bei den immer neuen Todesfällen mit im Spiel?

Abe gelingt es, den Leser völlig in die Zeit und die Geschehenisse in der Fuggerfamilie hineinzuziehen. Da wird gemauschelt und intrigiert, die Kinder werden behandelt wie eine leblose Verschiebemasse. Zu sagen, dass es sich bei dem Buch um einen historischen Roman handelt, ist nicht weit genug gegriffen. Der Leser erfährt nicht nur eine Menge über das Handelshaus Fugger und das Leben im 16. Jahrhundert, sondern wird auch noch in einen Kriminalfall gezogen. Auf 466 Seiten werden Fäden verknüpft und wieder entwoben: Wird die erwachsene Anna am Ende verstehen, warum ihr Kinderleben völlig aus der Bahn geriet? Warum so viele geliebte Menschen sterben mussten und warum sie schließlich einen Platz einnimmt, den sie niemals haben wollte?

Ich habe das Buch mit großem Vergnügen in kurzer Zeit gelesen – nachdem ich einmal vom Geschehen gefesselt war, hat es mich nicht mehr losgelassen. Das Buch ist spannend geschrieben, so dass ich ständig von der Gier getrieben wurde zu erfahren, wie es weiter geht. Die Protagonisten werden glaubhaft geschildert, man lebt mit ihnen, hofft mit ihnen, leidet mit ihnen – oder hasst sie. Neben Anna Erlebnissen hat mich besonders das Leben und Leiden des Kürschners gefesselt. Die Behandlung der Kinder im Kloster erzeugte mir eine Gänsehaut nach der anderen. Einziger Kritikpunkt: Die jahrzehntelange Liebe Heinrichs zu Anna fand ich höchst unglaubhaft, da sie jedoch nur einen geringen Raum einnahm, konnte ich, da sie für den Handlungsablauf nötig war, darüber hinwegsehen.

Fazit: spannend und kurzweilig geschrieben.

Die Autorin: Grafik-Designerin Rebecca Abe arbeitet seit vielen Jahren als Buch-Illustratorin. 2008 erschien ihr erstes Buch: „Das Gedächtnis der Liebe“, „Im Labyrinth der Fugger“ ist ihr zweiter Roman. Mehr auf der Homepage der Autorin.

Cover Labyrinth Fugger

Rebecca Abe: Im Labyrinth der Fugger. Gmeiner 2011. 466 Seiten, Euro 12,95, ISBN 978-3-8392-1144-1.

Ich danke dem Gmeiner-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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