Vom Umgang mit Katastrophen: Eine Replik

Regelmäßig und meistens mit Genuss und Gewinn lese ich das Blog Bachmichels Haus von Andrea Juchem (@Apfelmuse). Ihr gestriger Artikel „Von Schaulustigen und Helden“ hat mich jedoch zunächst sehr betroffen gemacht und letztlich verletzt. Sie vergleicht darin diejenigen Menschen, die auf die Katastrophe in Japan damit reagieren, dass sie sich unentwegt bei Nachrichtensendern und über Liveticker informieren, mit Gaffern auf der Autobahn und Schaulustigen, die extra an Schreckensorte fahren, um sich am Unglück anderer zu weiden.

Ich gehöre auch zu dieser – offensichtlich nicht kleinen – Gruppe von Menschen. Also, ich fahre nicht an Katastrophenorte. Aber ich habe von Freitag bis Montagmittag auch wie paralysiert vor dem Fernseher gesessen und wieder und wieder die gleichen entsetzlichen Bilder gesehen (dann konnte ich nicht mehr). Habe ständig einen Newsticker laufen gehabt und die Arbeit immer wieder unterbrochen um nachzulesen, was es Neues gibt. Nun habe ich mich gefragt, WARUM ich das tue. Bin ich ein Gaffer, der nicht genug vom Leid anderer Menschen bekommen kann? Nein, ganz sicher nicht. Ich hoff(t)e immer auf die EINE gute Nachricht: Tausend Menschen gerettet. Stabiler Zustand im Reaktor wiederhergestellt … Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Menschen generell sehr unterschiedlich auf Leid reagieren. Auch im Privaten. Welche Reaktionen auf eine schreckliche Nachricht, beispielsweise den Unfalltod eines geliebten Menschen, kenne ich?

– Manche Menschen ziehen sich komplett zurück. Sie machen die Tür hinter sich zu, wollen nicht reden, nicht angesprochen werden. Sie brauchen eine Zeit der Ruhe, um das Geschehene zu verarbeiten. Sie wollen möglicherweise auch gar nicht so genau wissen, wie das alles passiert ist.

– Andere schaffen es irgendwie, den Alltag zu meistern, eine Beerdigung zu organisieren und sogar anderen Trauernden beizustehen, obwohl sie innerlich am Rande der Erschöpfung sind. Sie sind diejenigen, die uns oft große Hochachtung abnötigen, bei denen wir aber befürchten, dass der Zusammenbruch irgendwann später kommt.

– Wieder anders reagieren die Redseligen. Sie müssen das Erlebte/Geschehene immer wieder besprechen. Es ist ihre Art der Verarbeitung. Ihren Angehörigen und Freunden gehen sie damit im Laufe der Zeit teilweise sehr auf die Nerven, aber ihnen selbst hilft das über ihr Unglück hinweg. In diese Kategorie fallen für mich auch viele der zurzeit arg gescholtenen Twitterer, die jede neue Nachricht sofort retweeten und/oder kommentieren. Ihnen wird auch Sensationsgier vorgeworfen. Das trifft vermutlich nur auf einen kleinen Teil von ihnen zu. Ich denke eher, sie sind gerade allein, haben niemanden, mit dem sie die schrecklichen Eindrücke teilen können und wählen stattdessen ihre Twitterfreunde als Zuhörer. Im privaten Umfeld wäre ihre Reaktion ganz normal: Wie oft sehe/höre ich etwas in den Nachrichten und begrüße meinen nach Hause kommenden Mann mit den Worten: „Hast Du mitbekommen, was heute passiert ist?“

– Und dann gibt es noch die Informationssüchtigen, die möglicherweise häufig mit den Redseligen zusammenfallen. Die genau wissen wollen, wie das alles passiert ist. Die Ärzten, Polizisten und Angehörigen Löcher in den Bauch fragen. Die bei unklaren Zusammenhängen nicht nachlassen, immer wieder nachzuhaken und sich damit nicht immer beliebt machen. Das sind diejenigen, die das Gefühl haben, immer mehr Input sammeln zu müssen. So geht es mir. Ich habe die unfassbaren ersten Tsunami-Bilder immer und immer wieder gesehen. Beim ersten Mal dachte ich beispielsweise, die weißen Dinger auf den Feldern, die weggerissen wurden, seien solche Plastikschläuche, die die Saat schützen. Erst beim zweiten Sehen habe ich verstanden, dass das ganze große Gewächshäuser sind. Es ist meine Art, die Dinge zu verarbeiten. Sie wieder und wieder zu sehen, um sie zu verstehen. In diesem Fall ist das Geschehene so groß, so schrecklich, so unfassbar, dass das nicht gelingt. Ich kann schlecht schlafen, weil ich, sobald ich die Augen schließe, eine Tsunamiwelle heranrollen sehe. Es ist also sicherlich keine besonders „schlaue“ Strategie, aber ich weiß nicht, ob man sich das wirklich aussuchen kann. Meine „natürliche“ Reaktion wäre es, glaube ich, in Aktionismus zu verfallen, irgendetwas zu tun. Aber hier kann ich nichts tun, gar nichts. (Spenden zählt/funktioniert hier nicht, das ist nicht dasselbe wie anzupacken, beispielsweise in eine Suppenküche zu gehen und Essen zu kochen.)

Menschen reagieren unterschiedlich auf Leid. Sie haben verschiedene Strategien entwickelt, damit umzugehen. Manche davon mögen andere nerven oder abschrecken. Aber man sollte akzeptieren, dass nicht alle gleich sind. Und anders zu sein, anders zu reagieren heißt nicht, schlecht oder böse zu sein.

PS: Auch das Phänomen der Autobahngaffer muss man differenziert betrachten. Ich will nicht wissen, wie sich alle aufregen würden, wenn alle Autofahrer ungebremst mit 160 km/h an Unfallstellen vorbeirasen würden. Dann würden sie sicherlich als herzlose Menschen bezeichnet, die sich nicht für das Leid anderer Menschen interessieren. Ich jedenfalls bremse immer ab, wenn auf dem Standstreifen ein Auto steht, seit ich einmal die Erfahrung gemacht habe, wie man von den vorbeifahrenden Autos durchgerüttelt wird, wenn man dort steht.

4 Gedanken zu “Vom Umgang mit Katastrophen: Eine Replik

  1. Interessanter Beitrag, von Euch beiden. Ich bin über fünf Ecken darauf gestoßen, weil ich auch zu den Informationssüchtigen und Redseligen gehöre , aber auch den wissenschaftlichen Hintergrund habe (akademische Ausbildung) und alles hinterfrage.

    Es gibt bei den Youtube-Videos auch noch jene, die die dramatischen Bilder mit ebenso dramatischer Musik unterlegen müssen und das ganze wie ein Produkt bewerben. Das geht mir auch zu weit. Sich Bilder/Videos der gesamten Katastrophe (also Erdbeben, Tsunami und havarierte AKWs) anzuschauen, halte ich für legitim. Ich denke, mit den Ereignissen in Asien 2004 und Japan 2011 im Hinterkopf wird niemand mehr so schnell von einem Tsunami überrascht werden. So hat das auch einen Lerneffekt. Und den ein oder anderen regt es vielleicht mehr zum Spenden an, wenn er durch Bilder sieht, was da angerichtet wurde, anstatt nur die ständig wiederholten Phrasen in der Zeitung zu lesen.

    Die angesprochene Hysterie in Deutschland ist etwas anderes. Lieber glorifiziert man „Helden“ im Fernsehen, die glauben singen zu können, als die Überlebenden, die Helfer und jetzt die Arbeiter, die sich in unmittelbare Nähe der AKWs begeben, um ihr Land zu retten. Eine Scheinheiligkeit, die zum Kotzen ist.

    Gruß,Felios

    • Ich habe mir keinerlei Videos bei YouTube angesehen, aber leider war das auch nicht nötig, um diesem Phänomen zu begegnen. Viele Fernsehsender haben ihre Zusammenschnitte mit Musik unterlegt, am schlimmsten fand ich n-tv – da hätte ich Schreikrämpfe kriegen können! Und trotz verbreiteter Proteste in der Presse, auf Twitter und sicher auch auf anderen Kanälen, hat sich tagelang nichts daran geändert. Was denken sich die Sender? Dass sie da den nächten Blockbuster senden?

      Übrigens erlebe ich es schon, dass die Helfer Fukushima als Helden gefeiert werden – völlig zu recht, meiner Meinung nach. Aber klar, in wenigen Tagen werden wieder irgendwelche Castingstars gehypt werden. Einerseits finde ich es verständlich, dass die Zuschauer sich auch mit anderen Bildern und Themen ablenken wollen, andererseits geht mir das Gerede manchmal auch auf die Nerven. Ob das scheinheilig ist? Ich weiß nicht. Vielleicht einfach nur menschlich.

  2. Hallo Daniela,

    es tut mir sehr leid, wenn ich dich und damit auch sichere andere Menschen durch meinen durchaus überspitzt und sehr schwarz-weiß gezeichneten Artikel getroffen habe. Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast, so ausführlich darauf zu antworten und so viele Aspekte zu beleuchten.

    Zum Einstieg meines Textes, den du am Schluss noch mal aufgreifst. Es ist für mich selbstverständlich langsam an einem Unfall vorbeizufahren, ich käme gar nicht auf eine andere Idee (und natürlich auch anzuhalten und erste Hilfe zu leisten, wenn das noch nicht geschehen ist). Ich rede in meinem Artikel aber explizit von Leuten die das tun um zu gaffen. Man kann auch vorbeifahren und geradeaus schauen. Das meinte ich.
    Mit den Menschen die zu Katastrophenorten extra hinfahren bin ich im wahrsten Sinne des Wortes ein gebranntes Kind. Als ich 12 war ist ein Teil unserer Firma abgebrannt. Es war schrecklich. Die Bilder habe ich sehr sehr lange nicht aus dem Kopf bekommen. Es sind die Wehren des kompletten Landkreises angerückt zum löschen. Und weißt du was. Sie sind teilweise nicht durchgekommen weil die Strasse mit Schaulustigen zugeparkt war. Es bestand damals die Gefahr, dass der Brand sich extrem ausgeweitet hätte, aber das führt an dieser Stelle zu weit.

    Ich bin mir nicht bewusst, dass Twitterverhalten im Allgemeinen angegriffen zu haben. Nur dieses sensationsgierige: Der GAU kommt, der GAU kommt, wann ist denn nun endlich die erste Kernschmelze. Das nervt. Und darüber habe ich mir u.a. Luft gemacht. Mein Blogpost ist meine Art auf mehr als 140 Z zu regieren. Es tut mir aber aufrichtig leid, Menschen wie dich damit verletzt zu haben, die ich nicht treffen wollte.

    • Oh, diesen Kommentar habe ich jetzt erst entdeckt. Dann sind wir doch gar nicht so weit auseinander in unseren Ansichten – wie schön!

      Natürlich finde ich es auch furchtbar, wenn Gaffer Rettungsmaßnahmen blockieren. Gerade heute erst wieder gesehen: Nach 9 Tagen wird eine achtzigjährige Frau gerettet und die Retter müssen bei jeden Schritt die umstehenden Journalisten beiseitewinken und -schieben. Sicher, die ganze Welt freut sich mit, wenn es zwischen den ganzen Schreckensbilder auch einmal eine gute Nachricht gibt, aber mehr Diskretion wäre wirklich wünschenswert!

      Allerdings habe ich Deinen Text wirklich als umfassende Twitterkritik verstanden. Es ernvt mich immer sehr, wenn alle Twitterer über einen Kamm geschoren werden: ALLE reden nur noch von Knut, KEINER redet mehr über Libyen … Dabei hat doch jeder eine andere Timeline, nämlich die, die er sich selbst zusammengestellt hat. Wenn das ncith so gemeint war – umso besser.

      Deine Shelterbox-Aktion finde ich übrigens klasse, deshalb für alle, die dies lesen, der Link dazu.

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