Jugendsprache 2012

Die beiden großen Wörterbuchverlage haben kleine Büchlein zum Thema Jugendsprache 2012 herausgegeben: Langenscheidt will das Verstehen mit „Hä?? Jugendsprache unplugged 2012. Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch“ vorantreiben, PONS mit dem „Wörterbuch der Jugendsprache 2012“.

PONS

PONS sammelt bereits seit 2001 jedes Jahr mit Wettbewerben an Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz jeweils 1.500 angesagte Begriffe. PONS weist im Vorwort darauf hin, dass die Wörter lediglich gesammelt werden, nicht zensiert, da die Ausdrucksweise nicht gerade zimperlich ist. Viele Begriffe werden nur regional verwendet, manche wandern durchs Land: Was in einem Jahr im Süden angesagt ist, ist im kommenden Jahr vielleicht im Norden in – oder umgekehrt. Eine Wörter scheinen durchaus eine längere Halbwertzeit zu haben, ich bilde mir ein, dass man auch in meiner Jugend schon bei einer Klausur abkacken konnte, sie also in den Sand setzen, oder dass man abspachteln für abschminken verwendete. Andere Begriffe kenne ich nur passiv (wenn auch nicht durch meine Söhne, die sie meist auch nicht kennen), die meisten aber habe ich nie gehört.

Manchmal habe ich allerdings Zweifel, ob ein Wort wirklich der Jugendsprache zuzurechnen ist. Dass etwas Gutes taugt, sagten wir schon als Jugendliche in den Achtzigern oder frühen Neunzigern, sagen aber zumindest in meiner Familie die Erwachsenen meiner Generation, nun Mitte 40, immer noch. Vielleicht müsste man nicht nur die Jugend nach ihrer Ausdrucksweise fragen, sondern gelegentlich auch überprüfen, welche Wörter mittlerweile Einzug in die allgemeine Umgangssprache gehalten haben.

Hier einige meiner Favoriten:

  • Schnellscheißerhose: Hose mit tief sitzendem Bund
  • Muschitoaster: Sitzheizung
  • Naturwollsocken: Starke Beinbehaarung
  • Für dich ist kein Bild dabei: Du hast verloren (Germany’s Next Topmodel)
  • dönern: Blähungen haben

Auch interessant ist die Liste der 20 uncoolsten Wörter. Eine Gruppensprache dient ja nicht nur der besseren Verständigung in dieser Gruppe, sondern auch der Abgrenzung von anderen Gruppen, in diesem Fall von den Erwachsenen. Die Jugendlichen wollen von ihnen nicht verstanden werden. Es verwundert also nicht, dass seinen Reiz verliert, was allgemein gebräuchlich wird, z. B. lol, knorke, cool, Alter/Alder, rofl, chillen, OmG und geil. Was mir deutlich macht, wie uncool ich doch bin! 😉

Fazit: Man kann nur über die Fantasie der Jugendlichen staunen, ihren scharfen Blick und die überaus treffenden Ausdrücke, auch wenn sie oft unter der Gürtellinie sind. Die Lektüre brachte so manchen Lacher, aber auch den einen oder anderen Aha-Effekt.

Langenscheidt

Das Büchlein von Langenscheidt enthält nur 650 Lexeme, diese dafür aber mit Übersetzungen in Englisch, Spanisch und Französisch. Spaß beim nächsten Schüleraustausch oder Sprachkurs scheint mir damit garantiert zu sein, wobei es offenbar nicht immer einen entsprechenden jugendsprachlichen Begriff gibt. (A)BF, d. h. (aller)bester Freund, hätte man auch mit einem herkömmlichen Wörterbuch als colega oder amigo del alma ins Spanische übersetzt.

Die Begriffe wurden über eine Website und Einsendungen per E-Mail gesammelt. Hier ist mir aufgefallen, dass ich ziemlich viele Wörter kannte, die mir nicht allzu neu vorkamen. Jugendwort des Jahres 2011 wurde swag, was für „eine beneidenswerte, lässig-coole Ausstrahlung“ steht.

Auch hier einige Favoriten:

  • Datenfrisbee: CD
  • Datenzäpfchen: USB-Stick
  • Geld-zurück-Gesicht: Pickelgesicht
  • Matrizenabzieher: Lehrer mit wenig Sinn für Kreativität
  • Popelstopper: Schnurrbart

Fazit: Hier wurden zwar weniger Wörter gesammelt, durch die Übersetzungen lässt sich das Büchlein jedoch gut als Reisewörterbuch verwenden. Spaß hat man damit auch.

Der Vergleich

Nun könnte man meinen, in beiden Büchern müssten in etwa die gleichen Wörter stehen, im PONS eben gut doppelt so viele wie im Langenscheidt. Der fünfte Begriff des PONS ist der erste im Langenscheidt: abchecken. Und was bedeutet das? Tja, während bei PONS die Bedeutung „flirten“ angegeben wird, steht bei Langenscheidt „mit jemandem schlafen“. Ein mehr als feiner Unterschied! Der oben erwähnte (A)BF  ist bei PONS ausschließlich weiblich. Bei PONS heißt abgehen „sich ereignen, passieren“, bei Langenscheidt „jemand findet etwas super“. Und während chillen bei PONS für ziemlich uncool gehalten wird, steht es bei Langenscheidt (noch) in der Liste. Vorsicht ist also anzuraten!

Ein Manko bei beiden Büchern: Sie funktionieren nur in Richtung Jugendsprache – Alltagsdeutsch. Möchte ich gerne wissen, was der derzeit angesagte Ausdruck für beispielsweise „Idiot“ ist, muss ich blätternderweise auf die Suche gehen.

Möchte man sich einfach aus Neugierde über die aktuelle Jugendsprache informieren, ist das PONS-Büchlein weitaus ergiebiger und origineller. Für Jugendliche, die für internationale Kontakte gerüstet sein wollen, ist Langenscheidt sicherlich geeigneter. Wer die treffenderen Übersetzungen hat, kann ich nicht beurteilen. Bei dem Preis kann man eigentlich nicht viel verkehrt machen und legt sich am besten beide zu.

Wörterbuch der Jugendsprache 2012“, PONS 2011, 141 Seiten, Euro 3,99, ISBN 978-3-12-010038-6

Hä?? Jugendsprache unplugged 2012. Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch“ Langenscheidt 2011, 167 Seiten, Euro 3,99, ISBN 978-3-468-29859-2

8 Gedanken zu “Jugendsprache 2012

  1. Pingback: 11 Fragen an Wortakzente « Wortakzente

  2. Gute Frage. Schade, in der Verwandtschaft der Verwandtschaft gibt es einen 18-Jährigen mit solchen Hosen, die fast in den Kniekehlen hängen. Vor kanpp zwei Wochen musste er auf einer Feier deshalb viel Spott ertragen. Das wäre eine Gelegenheit gewesen, danach zu fragen. Ich kann ja mal die Verwandtschaft auf die Frage ansetzen.

    Oder weiß es einer der Leser?

  3. Schöner, interessanter Artikel! Was mich mal interessieren würde: Die Jungs (und Mädels?), die solche „Schnellscheißerhosen“ anziehen – nennen sie die Hosen selber so? 😉

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