Heike Koschyk: Die Alchemie der Nacht

Im Jahr 1780 ist es ein gefährliches Abenteuer, krank zu werden. Die Ärzte haben sich während ihres Studiums vor allem mit alten Schriften befasst, echte Patienten sind ihnen kaum untergekommen. Zur Behandlung der Krankheiten gibt es (aus heutiger Sicht) wilde und sich zum Teil widersprechende Theorien und Methoden. Die meisten Ärzte sind sich einig, dass der Körper von Schlechtem gereinigt werden muss, sodass die Patienten mit Abführ- und Brechmitteln sowie Aderlassen gequält werden.

Doch auch in jener dunklen, von Aberglauben geprägten Zeit gab es neugierige Männer, die erkannten, dass es bessere, effektivere Behandlungsmethoden geben muss. Die ihre Patienten genau beobachteten, Therapien an sich selber ausprobierten und Erfolge sorgsam notierten. Andere Männer in der Nachfolge der mittelalterlichen Alchemisten suchten nach einem Allheilmittel zur Lebensverlängerung. Ihnen ging es vielleicht auch um das Wohl der Menschen, vor allem aber um Macht. Dass die Interessen solcher Männer zwangsläufig aufeinanderprallen mussten, davon handelt der spannende Roman von Heike Koschyk:

Arztsohn Christoph Wilhelm Hufeland beginnt gerade sein Medizinstudium in Jena. Er beobachtet den Tod eines Kommilitonen bei einem Duell und wird schnell in die gefährlichen Handlungen einer Studentenverbindung verwickelt, der er sich nur durch Flucht entziehen kann.

Samuel Hahnemann dagegen ist bereits als Arzt tätig. Er ist rastlos auf der Suche nach Möglichkeiten, um das Leben seiner Patienten zu verbessern. Dabei schreckt er auch vor ungewöhnlichen Methoden nicht zurück, die ihm aber Probleme mit dem Pfarrer einbringen, sodass er seine Stelle aufgeben muss. Unermüdlich forscht er weiter, obwohl er kaum seine stetig wachsende Familie ernähren kann.

Apothekerstochter Helene ist von ihrem Vater in der Kunst der Marzipanherstellung unterwiesen worden, die damals nur den Apothekern erlaubt war. Als sie mit einem ihr widerwärtigen Mann verheiratet werden soll flieht sie, was ohne ihr Wissen das Schicksal der Familienapotheke besiegelt. Sie versucht, zu ihrem Bruder zu gelangen, der in Jena Medizin studiert. Doch er ist der Kommilitone, dessen Ermordung Hufeland mitansehen musste. Was geschah damals wirklich? Und was ist dran an den Gerüchten, dass die Verbindung Experimente an sehr jungen Mädchen und Sterbenden macht?

Mehr möchte ich von der Handlung hier nicht verraten. Nur soviel: Es bleibt die ganze Zeit spannend und auch die Liebe kommt nicht zu kurz. Geschickt zieht Koschyk den Leser immer tiefer in die Handlung hinein, bis er das Buch nicht mehr aus der Hand legen mag, bevor er weiß, wer hinter allem steckt – mir jedenfalls ging es so. Ganz nebenbei erfährt er einiges über die Geschichte der Medizin und den Ursprung der Homöopathie – Samuel Hahnemann war ihr Erfinder, Hufeland wurde einer der bekanntesten Ärzte seiner Zeit. Wie schon in ihrem ersten Roman, „Pergamentum“ (Rezension), verknüpft Koschyk historischen Roman, Liebesgeschichte und Krimi, Fakten und Fantasie gekonnt und hält ihre Leser damit bis zum Schluss in Atem.

Heike Koschyk, Die Alchemie der Nacht. Mit einem Nachwort zur Geschichte der Homöopathie. rütten & loening 2011, 458 Seiten, broschiert, Euro 16,99, ISBN 978-3-352-00811-5

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