Kressmann Taylor: Adressat unbekannt

Die Autorin, Katherine Taylor geborene Kressmann, veröffentlichte den (fiktiven) Briefwechsel 1938 zunächst in einer Zeitschrift unter dem Pseudonym Kressmann Taylor. Es wurde befürchtet, ein solches politisches Werk könnte nicht ausreichend ernst genommen werden, wenn es von einer Frau geschrieben wurde … 1939 kam das Buch heraus, in Deutschland wurde es verboten.

Der Galerist Martin Schulse kehrt nach etlichen Jahren in San Francisco 1932 mit seiner Familie zurück nach Deutschland. Er hat in den USA gute Geschäfte gemacht, in Deutschland dagegen sind durch die Wirtschaftskrise die Preise niedrig, weshalb er sich ein Schlösschen leisten kann. Die Leitung der Galerie überlässt er seinem Partner und Freund, dem Juden Max Eisenstein. In ihren Briefen versichern sich die beiden Männer ihre Freundschaft.

Doch schon bald dringen schlimme Nachrichten aus Deutschland nach Amerika und Eisenstein fragt nach, ob stimme, was er gehört habe. Anfangs findet Schulse die Nazis zwar faszinierend, gewisse Handlungen stoßen ihn jedoch ab. Er meint, das gehe sicher vorbei, wenn Hitler seine Position erst einmal gefestigt habe. Doch dann tritt er selber in die Partei ein, berichtet, dass sein Sohn Mitglied des Jungvolks geworden sei, verteidigt die Judenpolitik als notwendig und fordert Eisenstein auf, ihm nicht mehr zu schreiben, da ihm das schaden könne. Dieser hält sich jedoch nicht daran, als seine Schwester in Deutschland verschwindet. Er bittet seinen alten Freund um Hilfe. Doch Schulse lehnt eiskalt ab. Aber Eisenstein, hat eine Idee, wie er sich für den Verrat rächen kann …

Das Hörbuch besteht aus 19 (fiktiven) Briefen der beiden Freunde Martin Schulse und Max Eisenstein aus den Jahren 1932 bis 1934. Es gibt keine zusätzlichen Erläuterungen oder Hintergrundinformationen, der Hörer befindet sich in der gleichen Situation wie ein etwaiger Finder dieser Briefe, der aus der Lektüre seine eigenen Schlüsse ziehen muss.

Zunächst handelt es sich einfach um den Austausch zweier guter Freunde, die lange nah beieinander gelebt und gemeinsam gearbeitet haben. Berichte über Verkäufe in der Galerie und das Leben ohne den Freund kommen von Max, Werner berichtet über das neue Haus, die Familie und über die Situation in Deutschland. Doch mit Hitlers Machtergreifung ändert sich der Ton der Briefe schnell, Max erbittet immer drängender Aufklärung über die politische Lage und die Situation der Juden in Deutschland, Martin lässt den Freund innerhalb kürzester Zeit fallen und erklärt ihm seine Haltung in drastischen Worten, die den Empfänger zutiefst verletzen – und der Hörer leidet mit. Es ist bitter zu hören, wie Schulse in kalten Worten das Schicksal von Eisensteins Schwester schildert und beschämend, wie er selbst wenig später Eisenstein um Hilfe anfleht.

Das Hörbuch dauert nur eine knappe Stunde, aber der Autorin gelingt es, in dieser Zeit den Hörer absolut zu fesseln. Die Briefe rufen eine beklemmende Atmosphäre hervor. Es ist faszinierend, wie mit vergleichsweise wenigen Worten eine derartige Wirkung erzielt werden kann. Auch bedingt durch die Briefform – es war damals ja normal, dass teilweise Monate zwischen den Briefen liegen – bleiben viele Lücken, die der Hörer selber füllen muss. Es handelt sich hier nicht um einen Bericht über den Aufstieg der Nazis, sondern im Mittelpunkt steht die Veränderung eines Menschen, der mit dem Strom schwimmt, der an die Macht will und der bereit ist, dafür seine bisherigen Ansichten und Werte über Bord zu werfen. Ob Max Eisensteins Rache der richtige Weg ist, sei dahingestellt, wobei ich die plötzliche Wendung überraschend, originell und auch als irgendwie befriedigend empfand.

Eine Geschichte von Freundschaft, Verrat, Enttäuschung und Rache, die ich für äußerst hörens- und empfehlenswert halte. Sehr gut gelesen von Matthias Brandt und Stephan Schad.

Kressmann Taylor: Adressat unbekannt. zyx 2012. 1 CD, ca. 60 min, Euro 12,99, ISBN 978-3-86549-903-5. Gelesen von Matthias Brand und Stephan Schad.

Zur Verlagsseite: hier.

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