Ken Follet: Winter der Welt

Endlich ist sie da, die lang erwartete Fortsetzung von „Sturz der Titanen“. Auf über tausend Seiten schreibt Follet die Familiengeschichten der von Ulrichs, Fitzherberts, Leckwiths, Peshkovs/Peschkows und Dewars fort, beginnend 1933 in Berlin. Wieder springt er von Schauplatz zu Schauplatz, von Land zu Land. Anfangs wird jedem Land ein komplettes Kapitel gewidmet, was mich überraschend gut zurück in die Familien brachte. Ich hatte befürchtet, die Protagonisten durcheinanderzubringen oder mich nicht mehr an ihre Vorgeschichten zu erinnern, aber die Erinnerung kam durch kleine Rückblenden oder Bemerkungen, die sich auf die Vergangenheit bezogen, schnell wieder zurück.

Nun ist die Handlung also in der Zeit vor und während des Zweiten Weltkrieges angekommen. Sehr eindrücklich beschreibt Follet die Ereignisse aus mehreren Blickwinkeln, was ich sehr aufschlussreich fand. Zwar war mir der Name Mosley durchaus ein Begriff, aber ich stellte beispielsweise fest, dass ich so gut wie nichts über die Rolle der britischen Faschisten wusste. So war die Lektüre nicht nur unterhaltsam (und das war sie!), sondern teilweise durchaus lehrreich. Sicher, manches fand ich sehr konstruiert. So kommen, abgesehen von Kriegsversehrten, nirgendwo Behinderte vor, aber in beiden deutschen Familien gibt es behinderte Kinder – notwendig, um das Euthanasieprogramm der Nazis einzuflechten und zwei junge Frauen sehr heldenhaft auftreten zu lassen. (Diesen Handlungsstrang hielt ich übrigens für überhaupt nicht realistisch, aber sei’s drum, spannend war es). Oder als ein Sohn der Familie Dewar nach Hawaii versetzt wird und die ganze Familie zu Besuch fährt (keine Ahnung, wie realistisch das ist), war mir klar, dass jetzt der Angriff auf Pearl Harbour kommen wird, obwohl ich das Datum nicht kannte. Beim Absturz eines britischen Fliegers in Frankreich wird der Pilot von einem anderen Briten gerettet, der die Resistance untersützt, und zufällig kennen sich beide sehr, sehr gut. Na ja …

Weniger gut fand ich, dass die deutschen Familien komplett aus heldenhaften Widerständlern bestehen. Wer anfangs noch für die Nazis war, wird später geläutert. In den Familien und mit den Freunden kann man über alles reden, weil ja alle einer Meinung sind. Nicht einmal vor den Angestellten muss man sich fürchten. Zwar ist der Sohn einer Familie begeisterter Hitler-Anhänger, aber auch er würde niemals verraten, was daheim geredet wird. Hm. Ich finde, es hätte den Tatsachen mehr entsprochen, wenn es irgendwo wenigstens einen fanatischen Nachbarn gegeben hätte. So waren nur Beamten böse, die offziellen Vertreter des Staates, alle anderen edel und mutig.

Auch viel vom großen Elend wird ausgeblendet: Während der Luftkrieg in London geschildert wird, wenn auch nur aus der Sicht der Sanitätswagenfahrerin, kommt im ganzen Buch niemand vor, der in einem Luftschutzkeller sitzt und sich fürchtet. Auch KZ werden nur am Rande erwähnt, wenn jemand verschwindet. Nur ganz am Anfang wird geschildert, wie in einem Lager ein Homosexueller ermordert wird.  Die Judenvernichtung wird nur oberflächlich und aus der Außensicht am Beispiel einer Arztfamilie dargestellt. Ganz Ende kommt das jüdische Krankenhaus in Berlin noch einmal vor, wo ich mich frage, ob es beim Einmarsch der Russen tatsächlich noch in einem jüdischen Krankenhaus praktizierende Ärzte und Schwestern in nennenswerter Zahl gegeben hat. Welche Juden hätten sie denn da behandeln wollen? Aber ich kenne mich zu wenig aus, um entscheiden zu können, ob das tatsächlich ein Fehler ist.

Vieles wurde also ausgeblendet, was sich aber damit begründen lässt, dass es in den beschriebenen Familien eben nicht vorkam. Angesichts der Fülle der Ereignisse, der ohnehin schon 1000 Buchseiten und der Tatsache, dass es sich um einen Roman und nicht um ein Geschichtsbuch handelt, finde ich das aber legitim.

Manches fand ich recht platt, beispielsweise so manche Liebesgeschichte. Und man könnte den Eindruck gewinnen, dass damals Oralsex vollkommen verbreitet war, alle jungen Frauen genau wussten, was man da zu tun hat und es das Übliche war, wenn eine Frau einem Mann einen Gefallen tun wollte, ohne mit ihm zu schlafen. Ich meine, wir reden von den 1930er-Jahren! Da hatte ich das Gefühl, dass Follet das einfach zu gerne beschreibt. Scheinbar muss alle x Seiten mal plakativ geschilderter Sex vorkommen.

Auch über manche Formulierung bin ich gestolpert, wobei da immer die Frage ist, ob es am Autor oder der Übersetzung liegt. Die Merkwürdigkeiten waren aber nicht so häufig, dass ich den Spaß am Lesen vorloren hätte.

Bewundernswert finde ich, dass Follet in diesem komplizierten Geflecht fast niemals den Faden verliert. Nur ganz am Ende hatte ich einmal das Gefühl, ihm wäre eine Figur verlorengegangen. Zwei Personen werden befreit, eine davon hinterher aber mit keiner Silbe mehr erwähnt, obwohl sie die Mutter einer häufig vorkommenden Nebenfigur ist. Ich hatte eigentlich erwartet, dass sie auch im Haushalt der von Ulrichs unterkommt.

Aber das alles schadet der Handlung wenig. Die Protagonisten haben viel Profil und ich habe mit ihnen gehofft und gelitten. Sehr geschickt gelingt auch der Übergang der Generationen. Geht es zunächst vor allem noch um die Protagonisten aus „Sturz der Titanen“, bekommen deren Kinder mehr und mehr Raum, bis die ältere Generation in den Hintergrund tritt. „Winter der Welt“ ist eine mitreißende Geschichte, die mich mühelos über die tausend Seiten hinweg fesseln konnte. Trotz gewisser Mängel wieder ein gelungener Follet, wie ich finde.

Ken Follet: Winter der Welt. Lübbe 2012, 1023 Seiten, Euro 29,99, ISBN 978-3-785724651.

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4 Gedanken zu “Ken Follet: Winter der Welt

  1. Pingback: Ken Follett: Kinder der Freiheit « Wortakzente

  2. Hallo “Wortakzente” ich kann Deinen Leseeindruck im Wesentlichen bestätigen.

    Mein Fazit zu Winter der Welt: Ich habe die 1024 Seiten verschlungen, und es hätten noch 1000 Seiten mehr sein können …

    Trotz der zahlreichen Schauplätze und Protagonisten verliert man als Leser nie den Überblick, denn Ken Follett ist ein grandioser Meister der nachvollziehbaren Konstruktion. Er ist aber vor allem ein Schriftsteller dem es gelungen ist, vor einem sehr ernsten Hintergrund einen ebenso seriösen wie unterhaltenden Roman geschrieben zu haben. Ich freue mich bereits auf den dritten Teil der Jahrhundertsaga.

    … und hier geht es zur vollständigen Rezension: http://buchundebook.blogspot.de/2012/12/ken-follett-winter-der-welt-eine.html

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