Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein

Vorarbeiter Otto Quangel ist vor allem eins wichtig: sein regelmäßiges Leben. Verlässlichkeit, darauf kommt es ihm an. Und so arbeitet er fleißig und gewissenhaft als Aufseher in einer Möbelfabrik. Freilich ist seine Arbeit im Deutschland des Jahres 1940 ziemlich langweilig geworden. Hatte seine Abteilung früher noch hochwertige Einzelstücke auf Bestellung geschreinert, auf die er stolz sein konnte, war nach Kriegsbeginn zunächst Massenware erzeugt worden. Inzwischen werden tagaus, tagein Kisten hergestellt, angeblich für Bomben.

Als die Nachricht vom Tod des einzigen Sohnes eintrifft, der in Frankreich gefallen ist, wird Quangel und seiner Frau Anna allmählich bewusst, wie menschenverachtend und schrecklich das nationalsozialistische System ist. Sie beschließen, gegen Hitler zu kämpfen. Jeden Sonntag schreibt Quangel von nun an Postkarten, mit denen er anderen Menschen die Augen öffnen möchte. Er glaubt, die Leser würden sie weitergeben, sodass sie schließlich in aller Munde sind. Doch er rechnet nicht mit der Angst der Menschen, die die von ihm und seiner Frau in Treppenhäusern abgelegten Karten schnellstmöglich bei offiziellen Stellen abgeben, um nicht selber in Verdacht zu geraten. Während beide sich noch in Sicherheit wiegen, sogar immer mehr Karten schreiben, ist die Gestapo ihnen längst auf der Spur. Und, ohne es zu wollen, bringen sie auch andere Menschen in Gefahr. Das kann auf Dauer nicht gut gehen …

Aus dürren Fakten schuf Fallada eine beeindruckende Geschichte von ganz einfachen, schlichten Menschen, die versuchen, im Rahmen ihrer bescheidenen Möglichkeiten Widerstand zu leisten. Fallada gelingt es, sich in ihre Denkweise hineinzuversetzen und sie für den Leser wieder lebendig werden zu lassen. Besonders beeindruckt hat mich Falladas fantastischer Blick auf jeden einzelnen seiner Protagonisten: der schweigsame Otto, die eifrige, aber schüchterne Anna, der hinterlistige Barkhausen, der schleimige Enno, der ehrgeizige Kommissar Eschrich, sie und alle anderen Personen entstehen überzeugend vor dem Auge des Lesers. Sicher, sie repräsentieren Typen und sind infolgedessen etwas klischeehaft, aber dennoch glaubwürdig.

Der beeindruckende leise Widerstand des Ehepaares beruht auf einem wahren Fall, Fallada bekam 1946 Einsicht in die Gestapo-Akte. Auch wenn die Quangels, die in Wirklichkeit anders hießen, letztlich ihr Ziel nicht auch nur annähernd erreichen konnten, macht ihre Geschichte doch deutlich, dass es mehr Formen von Widerstand in der deutschen Bevölkerung gegeben haben muss, als allgemein bekannt ist. Es zeigt, dass nicht alle Mitläufer waren, auch wenn sie nicht wussten, wie sie wirkungsvoll gegen die Nazis vorgehen konnten. Das ist zumindest tröstlich, finde ich.

Fallada setzt dem mutigen Ehepaar, das seine Postkartenaktion mit dem Leben bezahlen musste, ein Denkmal. Er zeigt ganz normale Menschen mit einem ganz normalen Leben. Keine Superhelden, sondern Menschen, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten versuchten, irgendetwas zu tun. Fallada bringt dem Leser auch den Alltag der Berliner näher, die, jeder auf seine Weise, versuchten, sich mit dem System zu arrangieren. Dabei entsteht ein buntes Bild vom Alltag der einfachen Leute. Des letzten Kapitels hätte es aus meiner Sicht nicht bedurft, doch wollte Fallada sein Buch wohl nicht mit dem Tod, sondern mit der Hoffnung beenden.

Ein sehr bewegender Roman, den ich jedem ans Herz legen möchte.

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein. Aufbau 2012, 704 Seiten, Euro 12,99, ISBN 978-3-7466-2811-0

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13 Gedanken zu “Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein

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  5. Vielen Dank für diese sehr gute Rezension.Ich habe sofort Feuer gefangen und bin neugierig geworden.Leider habe ich Fallada viel zu früh in der Schule gelesen.Dieses Buch werde ich jetzt auf jeden Fall noch mal lesen.Viele Grüße xeniana

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