Gülcin Wilhelm: Generation Koffer. Die zurückgelassenen Kinder

Mehr als 50 Jahre ist es her, dass die ersten türkischen Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Sie planten meistens, ein oder zwei Jahre zu bleiben, möglichst viel zu verdienen und dann wieder in die Heimat zurückzukehren. So wollte es auch die Bundesregierung. In der Praxis stellte sich aber heraus, dass die Unternehmen kein Intersse daran hatten, eingearbeitete Mitarbeiter zu verlieren. So blieben die meisten viel länger, manche für den Rest ihres Lebens. Ihre Kinder ließen sie oft bei der Großmutter oder einer Tante zurück, besuchten sie für einige Wochen in den Sommerferien oder seltener. Für manche Kinder waren die Eltern wie Fremde, teilweise hielten sie ihre Großeltern sogar für die Eltern. Als die Kinder größer waren, entschieden manche türkischen Eltern, sie – oder eins davon – mit nach Deutschland zu nehmen, weil sie wollten, dass sie dort zur Schule gehen, weil sie nicht mehr in einem Wohnheim lebten, weil sich die gesetzlichen Bestimmungen zum Nachzug von Familienangehörigen verschärft hatten. Die Kinder wurden aus ihrem Lebensumfeld gerissen und zogen in eine völlig neue Welt. Manche wurden später wieder zurückgeschickt, andere pendelten aus den verschiedensten Gründen mehrfach hin und her.

Die Folge ist, dass sich viele dieser sogenannten „Kofferkinder“ oder „Pendelkinder“ sich heimatlos und zerissen fühlen und heute starke Probleme haben, Bindungen einzugehen und vor allem aufrechtzuerhalten. Dies ist das Ergebnis der Gespräche, die die Autorin mit zahlreichen Betroffenen führte.

Der erste Teil des Buches befasst sich mit mit den rechtlichen Hintergründen, der deutschen Einwanderungspolitik, der Haltung und den Beweggründen der Eltern, den Folgen für die Kinder, deren Verhältnis zu den Eltern, den Konflikten unter den Geschwistern und Ähnlichem mehr. Im zweiten Teil werden acht „Kofferkinder“ in Portraits vorgestellt. Sie erzählen ihre ganz persönliche Geschichte, ihre Empfindungen, die heute daraus resultierenden Probleme. Sie berichten vom oft gestörten Verhältnis zu ihre Eltern und dem Überbehüten ihrer eigenen Kinder.

Auch wenn ich schon einiges über die Geschichte der Gastarbeiter in Deutschland gelesen habe, war mir der Aspekt der zurückgelassenen Kinder bisher unbekannt. Umso interessanter fand ich es, zunächst all die Hintergrundinformationen zu erhalten und dann die Portraits zu lesen, die so viele tiefe Einblicke in Leben und Psyche der Betroffenen geben. Diesen zweiten Teil fand ich teilweise sehr bewegend. Ich hatte nie darüber nachgedacht, was es für diese Kinder bedeutet haben muss, von ihren Eltern verlassen worden zu sein, manchmal wieder und wieder, und welche Auswirkungen das auf ihr ganzes weiteres Leben hatte.

Ein berührendes und wichtiges Buch, das einen vernachlässtigten Aspekt der bundesdeutschen Geschichte beleuchtet. Mein einziger Kritikpunkt: In den Portraits wird wörtliche Rede weder durch Anführungszeichen noch Kursivsetzung oder auf eine andere Art ausgezeichnet, so dass die Lektüre unnötig erschwert wird. Ansonsten ein sehr empfehlenswertes Buch!

Cover_Wilhelm_GenerationKoffer

Gülcin Wilhelm: Generation Koffer. Die zurückgelassenen Kinder. Mit einem Vorwort von Cem Özdemir. Orlanda 2011. 240 Seiten, Euro 17,90, ISBN 978-3-936937-83-1.
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