Das 11. Gebot: Du sollst keine Kommentare lesen!

Deutschland, was ist los mit dir? fragte gestern Modebloggerin Susi Ackstaller in ihrem Blog texterella. Sie rief andere Lifestyle-Blogs dazu auf, ebenfalls Position beziehen, was ich gerne aufgreife.

Wie oft habe ich mir das in den letzten Monaten schon vorgenommen: Lies keine Kommentare mehr! Ich weiß genau, dass es mir nicht gut tut, aber andererseits will ich doch wissen, was die anderen Leser denken. Was ich da zu lesen bekam, war teilweise unerträglich. In Zusammenhang mit der Flüchtlingsunterkunft in Freitag schreibt ein Mann, man solle doch Kindern Hacken geben, damit diese damit die Köpfe von Flüchtlingskindern zertrümmern. Die Kinder seien praktischerweise noch nicht strafmündig. Als an einem heißen Tag eine Feuerwehr zur Abkühlung für Flüchtlinge Wasser versprüht, meint ein Kommentator, man hätte doch lieber Flammenwerfer nehmen sollen. Da er unter Klarnamen schrieb, hat ihn das mittlerweile seinen Ausbildungsplatz gekostet. Ich habe eine Frau im Fernsehen gesehen, die es nicht schlimm fand, dass rechte Demonstranten Steine werfen, denn „Die werfen ja nicht auf Deutsche“.Und ich kann gar nicht mehr sagen, wie oft ich inzwischen Vorschläge lesen musste, Konzentrationslager als Flüchtlingslager zu nutzen und die Flüchtlinge dort zu vergasen.*

Geht es um irgendetwas, was Flüchtlinge bekommen sollen, trudelt innerhalt von Minuten, oft Sekunden, der erste neidische Kommentar ein. Eine Jobbörse für Flüchtlinge? Macht doch erst einmal eine Jobbörse für Deutsche auf, heißt es dann reflexartig. Dabei gibt es etliche Jobbörsen im Netz, angefangen bei der Arbeitsagentur. Menschen, die sich noch nie um das Schicksal von Obdachlosen gekümmert haben, finden plötzlich, man müsse sich erst einmal um diese kümmern. Selbst auf einem Portal wie evangelisch.de muss man lesen, dass Kindergartenplätze für deutsche Kinder seien.

Menschen, was ist mit euch los? Wo habt ihr euer Herz gelassen? Eure Menschlichkeit? Ist Nächstenliebe ein Fremdwort für euch geworden? Ich verstehe es nicht!

Natürlich ist es für die Städte und Gemeinden schwierig, mit den Flüchtlingsströmen fertigzuwerden. Natürlich gibt es Probleme, wenn Menschen unterschiedlichster Herkunft wochen- und monatelang ohne Beschäftigung auf engstem Raum zusammengepfercht werden. Ich weiß auch, dass vielerorts Wohnungen knapp werden, die Kindergärten überbelegt und viele Behörden schon lange an der Belastungsgrenze angekommen sind. Aber Deutschland hat schon ganz andere Dinge geschafft. Andere Länder, zum Beispiel der Libanon, müssen mit ganz anderen Flüchtlingszahlen fertig werden, da wird ein wohlhabendes und gut organisiertes Land wie Deutschland das doch wohl hinbekommen. Wir können das schaffen! Und ich bin sehr froh, dass doch sehr viele Menschen ein Gegengewicht setzen und dabei mithelfen.

Ich habe mich mit Flüchtlingen unterhalten (einmal in der Woche lasse ich Arbeit Arbeit sein und begleite sie zu Ärzten oder Behörden, erkläre ihnen Briefe und unterhalte mich mit ihnen, damit sie Gelegenheit haben, ihre Deutschkenntnisse zu üben) und jedes einzelne Schicksal raubt mir den Atem. Ich habe auf Handys Bilder von zerbombten Häusern gesehen, die einmal Wohnung für eine Familie waren. Ich habe von Kindern gehört, die panisch werden, wenn bei uns ein Feuerwerk stattfindet. Ich habe mit Frauen gesprochen, die vier Monate vom Sudan bis in den Libyen gelaufen sind. Deren Mann nicht auf dasselbe Boot kam und von dem seitdem jede Nachricht fehlt. Ich habe von den Schrecken der Flucht gehört – wie kann jemand ernsthaft glauben, dass sich ein Mensch all diesen Gefahren aussetzt, wenn er irgendeine Alternative sieht?

Was würde ich tun, wenn meine Familie hungert? Wenn die Gefahr bestünde, dass mein Sohn bei der IS kämpfen muss? Wenn ich schon hätte miterleben müssen, wie Familienangehörige, Freunde oder Nachbarn entführt, vergewaltigt oder getötet wurden? Würde ich ruhig sitzenbleiben und abwarten? Ich glaube nicht.

Ich habe Angst. Angst, dass die Menschen mit den Stammtischparolen, die vor Flüchtlingsunterkünften herumgrölen und randalieren, die Oberhand gewinnen. Ich habe Angst, dass bald wieder nicht nur leere Unterkünfte brennen. Ich habe Angst vor Menschen, die glauben, sie wären die Krone der Schöpfung, nur weil sie zufällig das Glück hatten, in Deutschland geboren zu werden. Ich habe Angst.

* Ich zitiere hier aus dem Kopf
** Die Kommentare sind offen. Ich werde aber rassistische, menschenverachtende Kommentare löschen und behalte mir vor, die Kommentarfunktion jederzeit abzuschalten.
*** Bitte kommt mir nicht mit tausenfach gelesenen Kommentaren wie „Nimm doch einen Flüchtling bei dir zu Hause auf“, „Das sind ja alles nur junge Männer“, „Die sind nicht arm, die haben doch alle ein Handy“ etc. Dazu wurde schon viel geschrieben, das muss und möchte ich nicht alles wiederholen. Lest lieber auf den Seiten von Pro Asyl: Fakten gegen Vorurteile.

PS: Inzwischen wurde die wundervolle Aktion #bloggerfuerfluechtlinge ins Leben gerufen. Schon weit mehr als 300 Blogger haben sich dort positioniert. Wow. Ich finde es klasse, dass so viele, deren Blogs sich eigentlich mit ganz anderen Themen beschäftigen, dort mitmachen und deutliche Worte gefunden haben. Die Blogger für Flüchtlinge rufen auch zu Spenden auf. Fast 90.000 Euro sind Stand 04.09. 7.30 Uhr schon zusammengekommen.

Da dieser Blogbeitrag auch noch fleißig aufgerufen wird, bitte ich euch: Wenn ihr Blogger seid, macht mit! Positioniert euch! Für alle: Wenn ihr etwas entbehren könnt: Spendet! Entweder direkt bei dieser Aktion oder für die Organisationen, die sich in eurer Stadt engagieren. Und/Oder helft mit. Ich verspreche euch: Auch wenn es anstrengend sein mag, es ist sehr bereichernd und wirklich eine gute Erfahrung. Die vielen wundervollen Menschen, die ich inzwischen kennengelernt habe, möchte ich nicht mehr missen.

Und auch wenn mich die Fernsehbilder täglich aufs Neue schocken, bin ich doch sehr begeistert über die Hilfsbereitschaft, die den Flüchtlingen allerorten entgegengebracht wird, beispielsweise am Münchner Bahnhof. Ich kenne inzwischen so viele Menschen, die einfach mit anpacken und sich auf die eine oder andere Art einbringen. Toll! Eine Netzwerkkollegin, Eva Brandecker, die Sprachkurse produziert, hatte die Idee, mit Hilfe vieler Ehrenamtlicher einen kostenlosen Sprachkurs für Flüchtlinge aus dem Boden zu stampfen: die #WelcomeGrooves. Das Audiomaterial wird auf Deutsch zur Verfügung stehen, die Übersetzungen in Arabisch, Farsi, Pashtu, Kurdisch, Serbisch, Tingrinya und zahlreichen weiteren Sprachen als PDF. Ende Spetember soll es so weit sein.

Zwar habe ich immer noch Angst, aber wenn ich all die wundervollen Initiativen und die Herzlichkeit sehe, habe ich Hoffnung.

12 Gedanken zu “Das 11. Gebot: Du sollst keine Kommentare lesen!

  1. Seit einer halben Stunde ist mir übel, weil ich das 11. Gebot noch nicht kannte 😉 Ich hatte in den Kommentaren zum Video-Hilferuf der HH-Bahnhofs-Helferin gelesen.
    Dann stolperte ich im Menü der Linkliste zum deutschlernen (danke dafür!) über diesen Beitrag. Ja, mir haben diese Kommentare auch Angst gemacht. Und ja, ich werde mich nun ans 11. Gebot halten – und weiterhoffen, daß ich im echten Leben als ehrenamtliche Helferin von solchem Haß verschont bleibe. Und die Flüchtlinge ebenfalls.

  2. Pingback: Schon mal was über Flüchtlinge gebloggt? › netzexil.de

  3. Pingback: #Blogger für Flüchtlinge – Warum dieser Hass?

  4. Pingback: #Blogger für Flüchtlinge - Menschen für Menschen

  5. Hier in Italien passiert genau das Gleiche. Es wundert mich nicht weiter, da die Italiener ein zutiefst rassistisches und faschistisches Volk sind (ich bitte darum, diese grobe Verallgemeinerung zu verzeihen – natürlich gibt es da Ausnahmen). Es wundert mich, dass es in Deutschland auch so ist: Ich habe lange dort gelebt und war immer überzeugt, dass die Geschehnisse des 2. Weltkrieges verarbeitet und nicht verdrängt wurden. Aber ich stelle fest, dass die Geschichte sich wirklich wiederholt – und die wenigen, die dies bemerken, dazu verdammt sind, machtlos zuzusehen. Ich habe Angst, die Menschheit macht mir Angst.

  6. Ich schließe mich diesem Beitrag vollumfängich an. Danke.
    Auch ich engagiere mich wieder ehrenamtlich für Flüchtlinge. Deutschkurs im Asylbewerberheim. Weil sie uns jetzt ganz besonders brauchen.
    Viele Grüße
    Jutta

    • Danke! Ich bin froh über jeden, der so etwas macht. Weil der persönliche Kontakt vieles einfacher macht. Den Flüchtlingen zeigt, dass nicht alle Deutschen so sind wie die besorgten Bürgen und rechten Fratzen. Außerdem erdet es ungemein!

  7. Vielen Dank für diese ehrlichen, offenen Worte. Ich für meinen Teil werde das nur für mich im Herzen tragen und verinnerlichen. Ich kann nur für mich entscheiden und gehen. Aber ich hoffe aufrichtig das viele begreifen und folgen
    Danke und liebe Grüße
    Gaby

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