Annette Leo: Das Kind auf der Liste. Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie

Auf einer interessanten Lesung in Arnstadt mit der Autorin und einem Vertreter der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen lernte ich dieses interessante und berührende Buch kennen.

Vorgeschichte

Stefan Jerzy Zweig überlebte als Kind das KZ Buchenwald. Sein Name stand auf einer Transportliste vom 25.09.1943 mit 200 Kindern, die nach Auschwitz deportiert werden sollten. Seine Geschichte ist bekannt, denn an ihr orientierte sich Bruno Apitz, als er sein berühmtes und mehrfach verfilmtes Buch Nackt unter Wölfen schrieb. Doch niemand wusste ewas über die Geschichte des Sinto-Jungen Willy Blum, dessen Name an Zweigs Stelle gesetzt wurde. Historikerin Annette Leo forschte nach. Das Ergebnis ist ein Buch, das nicht nur die Verfolgungsgeschichte einer Sinitfamilie schildert, sondern auch den Blick auf eine untergegangene Kultur richtet.

Mit dem Marionettentheater unterwegs

Die Familie von Willy Blum reiste mit zwei Wohnwagen durch Deutschland. Vor allem in den Sälen von Gasthäusern bauten sie ihr Marionettentheater auf und gaben dort zahlreiche Vorstellungen. Gespielt wurden nicht etwa vor allem Kinderstücke, sondern Stücke für Erwachsene, die ein breites Spektrum abdeckten: Schinderhannes, aber auch Doktor Faustus und Hamlet. In einer Zeit, in der es wenig Abwechslung auf den Dörfern gab, waren die Aufführungen gut besucht. Jedes der zehn Kinder der Familie wurde in einem anderen Ort geboren, meist in einer Gaststätte oder dem Haus des Gastwirts. Willys jüngere Schwester Dora wurde in dem Ort geboren, in dem ich wohne:

Als am 9. Mai 1930 nachmittags um halb vier die Tochter Dora geboren wurde, gastierte das Theater in Marlishausen bei Arnstadt. (…) Der Ort der Geburt war wieder ein Wirtshaus: „Im Tanzsaal der Gasthofs ‚Zur Linde‘“, notierte akribisch der oder die dortige Standesbeamte Hertlein. Demnach wurde das Mädchen quasi neben der Bühne geboren, an einem Platz, der am Abend wieder geräumt werden musste, wenn die Zuschauer kamen.

Die Aufenthalte dauerten meist mehrere Wochen, die Kinder besuchten am jeweiligen Ort die Schule, mussten aber auch mithelfen: Sie verteilten Flugblätter, übernahmen Frauenrollen, die Jungen reparierten die Puppen, die Mädchen nähten Kleider.

Zu Beginn des Buches erfährt man viel über die Wanderbühnen und das zunehmend schwierige Leben der umherreisenden Familien, die immer neuen Repressalien der Behörden ausgesetzt waren. Viele wurden im Laufe der Zeit festgesetzt, das heißt, sie erhielten keinen Gewerbeschein zum Umherreisen mehr und durften ihren aktuellen Aufenthaltsort nicht verlassen. Das passierte bei den Blums recht spät, offensichtlich hatten die Behörden bei den Umherreisenden oftmals Schwierigeiten zu entscheiden, ob es sich um „Zigeuner“ handelt. So ist beispielsweise in einer Kartei zwar ein Eintrag über den Vater Aloys Blum zu finden, nicht aber über seine Familienangehörigen, und bei einer seiner Töchter fehlt in ihrer Heiratsurkunde der entsprechende Vermerk. Auch durften die drei jüngsten Kinder in Hoyerswerda weiter die Schule besuchen, als dies an sich schon nicht mehr zulässig war.

Leo berichtet über die Festnahme und Deportierung der Familie, die zunächst nach Auschwitz ins „Zigeuner-Familienlager“ kam und später in andere Konzentrationslager deportiert wurde: u. a. nach Ravensbrück und nach Buchenwald. Als sein kleiner Bruder Rudolf auf die Liste für die erneute Deportierung nach Auschwitz gesetzt wurde, meldete sich Willy, obwohl er genau wusste, was ihn dort erwartete, freiwillig, um ihn zu begleiten. Es handelte sich also nicht um einen Opfertausch, sondern er hatte selbst dafür gesorgt, dass sein Name auf diese Liste gesetzt wurde.

Doch damit endet das Buch nicht. Es behandelt auch die Ereignisse nach der Befreiung, als sich die überlebenden Familienmitglieder wieder zusammenfanden, und die zermürbenden Bemühungen um Entschädigung. Auch nach dem Krieg wurden die Sinti in der Bundesrepublik wieder diskriminiert.

Bewegende Lektüre

Es ist Leo gelungen, aus vielen weit verstreuten Quellen, den Berichten der einzigen noch lebenden Tochter Elli und deren Tochter Ella, aber auch aus den Berichten anderer Überlebender und den Unterlagen in den Entschädigungsakten das Leben der Familie Blum als Besitzer eines Marionettentheaters, die Verhältnisse und Ereignisse in den Konzentrationslagern, die Erlebnisse nach der Befreiung und den Umgang der bundesdeutschen Behörden mit der Familie zu recherchieren und eindrücklich zu schildern.

Ich fand die Schilderungen über das Marionettentheater sehr interessant, weil das für mich eine völlig unbekannte Welt war. Auch wenn die Darstellung sachlich-nüchtern ist, bewegte mich das Schicksal der Familie sehr. Wütend machte mich allerdings der Umgang der bundesdeutschen Behörden mit den Opfern, der von offenem oder latentem Rassismus geprägt war: Ihnen wurde unterstellt, als Sinti sowieso zu lügen, Ärzte und Behördenmitarbeiter glaubten vieles nicht, zum Beispiel negierten die Ärzte eine Zwanssterilisation bei Mutter Toni, weil keine OP-Spuren zu sehen waren – dabei war damals schon bekannt, dass in Auschwirtz und Ravensbrück mit Säure experimentiert wurde, genau wie Toni Blum es schilderte. Die Berichte der Familie mussten bestätigt werden, doch an vielen Stellen, zum Beispiel bei der Polizei, saßen noch genau die Personen, die Jahre früher für ihre Verhaftung und Deportation verantwortlich gewesen waren – und sich nun natürlich im besten Licht darstellen wollten. So wurde Willys Bruder Hugo unterstellt, als Krimineller ins KZ gekommen zu sein – was bedeutet hätte, keine Entschädigung zu kommen. Auch wurden Schikanen erst ab 1943 anerkannt, Vater Aloys Blume wurde aber schon 1942 verhaftet. Der Wert der konfiszierten und verschwundenen Marionetten, Dekorationen und anderen Theaterutensilien wurde absichtlich bewusst niedrig angesetzt usw. Traurig!

Nicht nur die Verfolgung und Vernichtung der Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten, sondern auch der anschließende Umgang mit dieser Opfergruppe durch die Bundesrepublik gehören zu den dunklen Kapiteln unserer Geschichte.

Fazit: Eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die mehr über das Schicksal der Sinti während des Nationalsozialismus und den Umgang mit dieser Opfergruppe in der Bundesrepublik erfahren wollen, besonders interessant auch die Einblicke in das Milleu der Wander-Marionettentheater.

Annette Leo: Das Kind auf der Liste. Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie. Mit einem Vorwort von Romani Rose. Aufbau-Verlag 2018. 192 Seiten, 10 Euro, ISBN 978-3-7466-3431-9. Das Buch ist auch kostenlos bei der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung erhältlich.

Ergänzend dazu: Karola Fings: Sinti und Roma. Geschichte einer Minderheit. C. H. Beck 2016. 128 Seiten, Euro 8,95, ISBN 978-3-406-69848-4. Oder auch bei der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung.

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