Janko Lauenberger, Juliane von Wedemeyer: Ede und Unku – die wahre Geschichte

Einige Worte vorab

Rund um die Lesung von Das Kind auf der Liste (zur Rezension) fiel mehrmals der Name Unku. Ich hatte schon gehört, dass es sich dabei um ein Buch handelt, das Pflichlektüre in DDR-Schulen war. Als Hessin habe ich da eine Bildungslücke und beschloss daher, das Buch zu lesen. Ich suchte nach “Unku”, entdeckte ein Buch, bestellte es mir und merkte zwei Minuten, nachdem ich mit der Lektüre begonnen hatte, dass es nicht das richtige ist. Trotzdem weiß ich jetzt, um was es in dem Buch ging, denn der Autor dieses Buches, Janko Lauenberger, ist ein Nachfahre Unkus. In diesem Buch erzählt er die Geschichte Unkus über das im Kinderbuch von 1931 geschilderte Geschehen hinaus, berichtet aber auch über das weitere Schicksal der Familie in der DDR und der Bundesrepublik.

Lebendige Familiengeschichte

In Lauenbergers Familie sind die Erzählungen über ihre Vorfahren noch heute lebendig. Unku war ihm daher ein Begriff, lange bevor er das Buch in der Schule lesen musste. Die Familie hatte lange nichts von der Existenz des Buches gewusst, es irgendwann zufällig in einem Schaufenster entdeckt. Die ausgeschnittenen Bilder waren dann die einzigen Bilder seiner Tochter, die Unkus Vater besaß. Unku wurde in Ausschwitz ermordet – von den im Buch beschriebenen Personen überlebte nur eine, Lauenbergers Großmutter.

Lauenberg berichtet, was er über Unkus Geschichte weiß – aus ihm lange bekannten Familienerzählungen, aus Interviews, die ein Journalist mit einigen Familienmitgliedern geführt hat, aber auch aus Dokumenten. Die Unku-Kapitel wechseln ab mit anderen, in denen es um sein Leben bzw. das seiner Eltern geht. Auch in der DDR hatten Sinti es nicht leicht, die Vorurteile gegen „Zigeuner“ bestanden bei vielen nach wie vor, die Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus konnte wieder aberkannt werden, das Umherziehen war nicht erlaubt, zum Musikmachen brauchte man eine Erlaubnis, die Lauenbergs Vater wegen seiner fehlenden Ausbildung nicht bekam usw. Dafür durften die wenigen Sinti der DDR in allen Filmen mitspielen, in denen „südländische Typen“ benötigt wurden, vom Inder bis zum Italiener.

Eine ungewöhnliche Freundschaft

Ein Sinti-Mädchen, das sich mit einem Gadsche-Jungen anfreundet, die eine Schriftstellerin kennenlernen, die ein Kinderbuch daraus macht – das ist schon sehr ungewöhnlich. Von dieser Freundschaft berichtet das Buch, aber auch von der schwierigen Situation der Arbeiter (Edes Vater verliert seine Arbeit) und der Verfolgung von Kommunisten (auf Unkus Vermittlung darf ein Kommunist eine Nacht im Wahnwagen unterschlüpfen) – das ist die Handlung des Kinderbuches von Alex Wedding. Auch damals war es schon schwierig für die umherziehenden Sinti, sie kannten Hunger und wurden immer wieder von Polizisten verscheucht. Trotzdem konnten sie ein Leben führen, das ihrer Tradition entsprach. Doch die Nazis schränkten ihre Freiheiten immer mehr ein, setzten die Familie in Lagern in Berlin und Magdeburg fest. Rasseforscher kamen vorbei, um alle zu vermessen und zu befragen. Die Nazis hatten nämlich ein Problem: Die Sinti und Roma waren Arier und damit eigentlich in ihrer Rasseeinteilung gut angesehen. Deswegen entwickelten sie Theorien, wonach nur reinrassige Sinti und Roma gut waren, dass die meisten in den Jahrhunderten des umherziehens aber viel fremdes Blut aufgenommen hätten. Die Rasseforscher sortierten also aus, wer ihrer Meinung nach ein „Mischling“ und damit „artfremd“ war (fast alle) und somit deportiert und umgebracht werden konnte. Lauenberger beschreibt die Situation im sogenannten Zigeunerlager in Auschwitz und die Umstände der Tode von Unku und ihrer Kinder.

Nach dem Ende des Nazi-Terrors fanden die wenigen überlebenden Familienmitglieder wieder zusammen, doch ein Teil lebte in der DDR, ein Teil in der BRD, sodass nicht so enge Kontakte gepflegt werden konnten, wie die Familie das gerne getan hätte.

Eigentlich heißen die Lauenbergers Lauenburger wie Unku, aber ein Schreibfehler wurde von den DDR-Behörden nicht korrigiert und immer weitergeführt. Janko hätte eigentlich Django heißen sollen, doch der Name war nicht im Namensbuch der DDR enthalten. Auch wenn er diesen Musikernamen nicht bekommen durfte, war sein Weg als Musiker vorgezeichnet. Er sollte einmal die Nachfolge seines Vaters antreten, der mit der Sinti Swing Band bekannt wurde. Doch der Weg dorthin war dornig, zeitweise musste Janko sogar in einem Kinderheim leben. Er schildert sehr eindrücklich, mit welchen Vorurteilen Sinti im Allgemeinen und er im Besonderen leben mussten und was das für Folgen hatte. Zum Glück gab es Leute, die sich für sie einsetzten und zum Beispiel so lange Eingaben schrieben, bis er das Kinderheim wieder verlassen durfte oder die älteren Verwandten ihre Anerkennungen als Verfolgte des Naziregimes – und damit eine Rente – erhielten.

Lauenberger erklärt auch, warum er die Bezeichnung „Zigeuner“ hasst: Alle seine älteren Verwandten hatten eine tätowierte Nummer, beginnend mit einem Z. „Ich hasse das Wort ‚Zigeuner‘. Menschen verändern sich, sobald sie mich für einen halten.“

Die Familiengeschichte wird nicht chronologisch geschildert, sondern Lauenberger springt zwischen Unkus und seiner eigenen Geschichte hin und her. Die Kapitel sind in verschiedenen Schriften gesetzt. Einige wenige Bilder zeigen Unku und andere Familienmitglieder.

Fazit: Ich fand das Buch sehr interessant, aufschlussreich und teilweise sehr bewegend. Es ließ sich gut lesen und brachte mir viele neue Informationen über die Verfolgung der Sinti und ihr Leben nach dem Krieg bis heute am Beispiel der Familie des Autors. Mein einziges Problem damit war, dass ich die vielen Namen nicht immer (gleich) zuordnen konnte.

Cover "Ede und Unku - die wahre Geschichte" von Janko Lauenberger. Das bunte Cover zeigt ein Foto der Kinder.

Janko Lauenberger, Julian von Wedemeyer: Ede und Unku – die wahre Geschichte. Das Schicksal einer Sinti-Familie von der Weimarer Republik bis heute. Gütersloher Verlagshaus 2018. 240 Seiten, Euro 20,00, ISBN 978-3-579-08694-1.

__________________________________________________

WERBUNG (*)

Zur Verlagsseite – bei Amazon – bei der Autorenwelt – im Onlineshop eurer Buchhandlung – und in eurer Lieblingsbuchhandlung.

(*) Nach dem Telemediengesetz sind Links auf Verlage, Shops und Affiliate-Links (hier: Amazon) als Werbung zu kennzeichnen, übrigens ganz unabhängig davon, ob das Buch ein Rezensionsexemplar ist oder selbst gekauft wurde. Ich bekomme kein Geld von den Verlagen, sie stellen mir lediglich ein Buch zur Verfügung. Das verpflichtet mich zu nichts, ich schreibe auch kritische Rezensionen oder verzichte ganz darauf, ein Buch zu besprechen. Meine Meinung ist nach wie vor unabhängig. Die Links sind ein Service für euch Blogbesucher, auf den ich nicht verzichten möchte. Lediglich über den Amazon-Affiliate-Link verdiene ich etwas Geld – falls jemand etwas bestellt, nachdem er den Link benutzt hat, bekomme ich ein paar Cent.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*