Helen Jukes: Das Herz einer Honigbiene hat fünf Öffnungen

Eine Frau wird Imkerin

Für ihren neuen Job in einem fensterlosen Großraumbüro, der unheimlich anstrengend ist, ist Helen nach Oxford umgezogen. Sie fühlt sich gestresst, überfordert, unglücklich, entwurzelt. Zusammen mit einer Freundin bewohnt sie ein kleines Reihenhaus. Eines Tages kommt ihr der Gedanke, dass hinten am Zaun die geeignete Stelle für einen Bienenstock wäre. Während ihrer Zeit in London hatte sie einen Imker begleitet, kennt sich also ein wenig aus. Im Laufe der Zeit entwickelt sich das zu einer fixen Idee. Sie liest alles, was sie finden kann, aber sehr systematisch, sie beginnt also mit der Geschichte der Imkerei.

Es wäre eine ganz andere Geschichte, ein Bienenvolk hier zu haben, vor meiner eigenen Hintertür. Und ich, in Imkerkleidung, würde sie halten. Um die Wahrheit zu sagen, bin ich in meinem sonstigen Leben nicht gut im Halten von Dingen. Wie viele aus meiner Generation bin ich viel umgezogen. Seit ich erwachsen bin, habe ich nie länger als anderthalb Jahre an einem Ort gelebt. Ich bin dreißig. Es fällt mir nicht schwer, neue Bekannte zu finden, aber abgesehen von ein paar chaotischen Fehlgriffen habe ich seit Jahren keinen festen Freund gehabt. Rastlosigkeit passt nicht gut zu Nähe, oder sie ist eine tolle Methode, um Nähe aus dem Weg zu gehen, und jetzt hat der Gedanke, ein anderes Lebewesen bei mir aufzunehmen, etwas leicht Furchteinflößendes.

Doch dann wird es Ernst: Ihre Freunde schenken ihr zu Weihnachten ein Bienenvolk, das sie im Frühjahr abholen kann. Helen ist unsicher: Kann sie das schaffen? Und werden die Bienen ihr Halt geben und ihr Leben tatsächlich so verändern, wie sie es insgeheim erwartet?

Ein Jahr der Veränderungen

Helen Jukes erzählt von dem Jahr, in dem sie Imkerin wurde: von der ersten Idee über die tatsächliche Anschaffung eines Bienenvolks bis hin zur ersten Honigernte.

Helen ist niemand, der überstürzte Entscheidungen fällt. Sie lässt sich auch nicht drängen. Eines Tages, als sie ihren Garten betrachtet, kommt ihr der Gedanke, dass ein Bienenvolk dort gut hineinpassen würde. Sie hat das Gefühl, dass die Beschäftigung mit den Bienen ihrem Leben Struktur geben und Ruhe und Beständigkeit hineinbringen würde. Obwohl sie in London schon Erfahrung als Imkerin gesammelt hat, traut sie sich die ganze Sache zunächst wirklich nicht zu. Es ist nur ein Gedankenspiel, das sie liebgewinnt. Und dann beginnt sie zu lesen. Aber nicht so, wie ich es wahrscheinlich machen würde: Was brauche ich alles? Was ist der beste Stock, was die sinnvollste Vorgehensweise? Was kostet das und wo bekomme ich es her? Nein, sie liest über die Geschichte der Imkerei, beginnend in der Antike, und lässt uns Leser an ihren Erkenntnissen teilhaben. Was haben die Menschen früher gedacht, wie ein Bienenvolk funktioniert, wie sich Bienen orientieren, wie sie Honig herstellen – und was weiß man heute darüber?

Parallel berichtet sie davon, wie das Projekt Gestalt annimmt, wie sie sich mit örtlichen Imkern trifft, Freunde ihr bei der Vorbereitung des Gartens helfen, ihr Bienenvolk einzieht, sie sich Sorgen macht, ob alles funktioniert, mit welchen Misserfolgen sie fertig werden muss, welche Beobachtungen sie an ihrem Volk macht, welche Erkenntnisse sie daraus gewinnt. Schließlich bringt die erfolgreiche Honigernte das Jahr zum Abschluss.

Das klingt vielleicht wenig spannend, aber mich hat dieses Buch sofort in seinen Bann gezogen. Ich finde es wirklich faszinierend. Ich hatte anfangs ein wenig Angst, es könnte zu esoterisch werden („Wie die Bienen mein Leben retteten“), aber das war zum Glück nicht der Fall. Dafür ist Helen einfach nicht der Typ. Zwar versucht sie immer wieder, aus dem Verhalten der Bienen Erkenntnisse zu gewinnen, die sie auf ihr Leben übertragen kann, aber letztlich muss sie feststellen, dass das nur in geringem Umfang möglich ist. Wahrscheinlich ist es genau die Mischung von Hintergrundwissen mit Erlebnissen, die mich angesprochen hat. Gut gefallen haben mir auch die sprachwissenschaftlichen Passagen über die Verbindung einiger (englischer) Wörter zu Bienen oder der Imkerei.

Viel Theorie über die Geschichte der Imkerei

Helens Recherchen folgend erfahren wir viel über die Geschichte der Imkerei, dazu gibt es auch Literaturhinweise. Aber auch von der Praxis erfahren wir einiges. Ich fand das so faszinierend, dass ich mir am liebsten sofort ein Bienenvolk zugelegt hätte – dabei mag ich nicht einmal Honig. Ich schätze allerdings, dass unsere Nachbarn – ich wohne auch in einem Reihenhaus – nicht so begeistert wären wie die von Helen.

Die Theorieteile werden nie zu lang und fassen Helens Erkenntnisse knapp und gut verständlich zusammen und lassen sich angenehm lesen. Auch die Gedanken, die sie sich über das Gelesene macht, konnte ich gut nachvollziehen. Im Laufe des Jahres liest sie jedoch nicht nur viel, sondern sie lernt auch viele interessante Menschen kennen und gewinnt neue Freunde. So kommt es, dass sich ihr Leben am Ende tatsächlich verändert hat, wenn auch nicht in der Weise, die sie sich anfangs womöglich vorgestellt hat.

Das Buch endet mit einer Bibliografie und Hinweisen darauf, wie man vorgehen sollte, wenn man Imker werden möchte.

Fazit: Viel Lesenswertes über die Geschichte der Imkerei und das Leben der Bienen, einiges Praktisches über das Imkern an sich und eine Suche nach dem Sinn des Lebens wurden hier auf gelungene Weise verknüpft.

Helen Jukes: Das Herz einer Honigbiene hat fünf Öffnungen. Über das Jahr, in dem ich Imkerin wurde. Aus dem Englischen von Sofia Blind. Dumont 2018. 304 Seiten, Euro 22,00, ISBN 978-3-8321-8363-9.

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