Lee Crutchley: Tagebuch für Schlaflose

Wenn man nachts nicht schlafen kann …

… beginnt das Gedankenkarussell sich zu drehen. Oder umgekehrt: Weil die Gedanken herumwandern, kann man nicht einschlafen. Mal melden sich die Sorgen, man denkt über anstehende Aufgaben nach oder fragt sich, ob man richtig gehandelt hat. Oder man hat plötzlich eine wundervolle Idee, die man zu vergessen fürchtet, oder die Lösung für ein lange gewälztes Problem fällt einem ein. Egal was davon zutrifft, das Ergebnis ist dasselbe: Man ist wach. Manchmal sogar wacher als den ganzen Tag über, wo man mit dem Schlafmangel der vorhergehenden Nacht zu kämpfen hatte.

Wer das oder Ähnliches kennt, für den ist dieses Buch genau richtig. Die meisten werden schon die Erfahrung gemacht haben, dass es ab einem gewissen Punkt nichts bringt, sich im Bett herumzuwälzen, weil man in der nächsten Zeit garantiert nicht einschlafen kann. Also aufstehen. Und dann? Ran ans Buch! Man soll hineinschreiben und viele Fragen beantworten. Manchmal soll man auch malen. Aber immer geht es dabei um einen selbst.

Im Schutz der Dunkelheit darfst du über Dinge nachdenken, die zu ergründen du dich sonst nicht traust, du darfst Gefühle zulassen, die dir Angst machen, du darfst Selbstgespräche führen, ohne dich gleich für verrückt zu halten.

Dieses Buch bietet dir den Raum, unbehelligt von den kritischen Blicken anderer wieder zu dem wichtigsten, aber häufig am meisten vernachlässigten Menschen in deinem Leben vorzudringen – zu dir. (aus dem Vorwort)

… kann man ein paar Fragen über sich selbst beantworten

Das Buch beginnt niedrigschwellig: Man soll auf einigen Skalen einzeichnen, wo man sich darauf einordnet – und wo man gerne sein würde. Danach soll man das Licht ausmachen und zeichnen, was einen nachts wach liegen lässt. Das ist schon mal ein lustiger Einstieg, das kann ich versprechen. Im Laufe der Zeit werden viele weitere Fragen an einen gestellt. Manche sind ganz leicht zu beantworten, aber oft muss man ziemlich nachdenken. Wir sind ja oft nicht ganz ehrlich zu uns selbst, aber das Buch fordert uns dazu auf, intensiv über uns, unsere Wünsche, Träume und Gefühle nachzudenken. Manchmal muss man nur ein paar Kreuze machen oder ein paar Stichwörter notieren, andere Male soll man richtig viel schreiben, zum Beispiel Briefe an jemandem, dem wir verzeihen wollen, oder an jemanden, den wir verloren haben. Oft werden wir aufgefordert, gute und schlechte Dinge gegenüberzustellen. Was mag man an sich selbst und was nicht? Oder man wird aufgefordert, etwas über sich zuzugeben. Welche Fehler hat man? Und dann, im nächsten Schritt, was kann man daraus lernen? Manchmal soll man auch ein kleines Bild malen. Keine Sorge, wer nicht malen kann: Es sieht ja niemand. Das gilt für das ganze Buch: Es liest ja niemand. Es gab durchaus Fragen, bei denen ich geschluckt habe. Will ich das offen zugeben, vor mir selbst? Andere Fragen wirken eher sinnlos, wollen aber Assoziationen wecken – und wer weiß schon vorher, was dabei herauskommen kann.

Der eine oder die andere wird sich nun vielleicht fragen, was das Ganze soll. Ich finde, es hat durchaus therapeutische Wirkung. So intensiv über sich selber nachzudenken, kann dabei helfen, Entscheidungen zu fällen oder Probleme zu lösen, die man des Nachts so wälzt. Man gewinnt Klarheit über sich selber. In der Hektik des Alltags finden wir oft viel zu wenig Zeit, um über uns nachzudenken. Wir agieren nicht, wir reagieren. Warum also nicht, wenn wir sowieso nicht schlafen können, uns einfach die Zeit nehmen, uns mit uns selbst zu beschäftigen? Das ist ein toller Ansatz, wie ich finde. Vielleicht funktioniert das Schlafen besser, wenn uns der eine oder andere Gedanken von der Seele genommen wurde. Das kann ich noch nicht sagen, weil ich noch nicht so weit gekommen bin. Auf jeden Fall hört die Grüblerei aber auf, weil man sich intensiv mit einer Frage auseinandersetzt. Bis jetzt fand ich es die Beschäftigung mit dem Buch durchaus aufschlussreich und auch unterhaltsam.

Muss man das Buch der Reihe nach durchgehen? Nun, ich nehme an, das ist so gedacht. Gerade mit dem Thema, vor dem wir uns im Moment drücken wollen, sollten wir uns vielleicht besonders dringend auseinandersetzen. Aber es zwingt uns keiner. Vielleicht lieber beim nächsten Mal!

Die Gestaltung ist zweifarbig, in Nacht-Dunkelblau und Licht-Gelb. Zu Beginn eines jeden Kapitels gibt es einige erklärende Sätze, zum Beispiel zur Funktionsweise des Gehirns oder der Wirkung von Dunkelheit. Aber auf den meisten Seiten findet sich nur eine kleine Aufgabenstellung oder Aufforderung, Bilder zum Beschriften, Kästchen zum Hineinschreiben etc. Übrigens wird auch darauf hingewiesen, dass das Buch bei schwerwiegenden Schlafproblemen keine ärztliche Behandlung ersetzen kann. Aber das ist sowieso klar, finde ich.

Wie lange man braucht, um das Buch durchzuarbeiten? Das dürfte sehr unterschiedlich sein. Hat man jede Nacht längere schlaflose Phasen, ist man natürlich schneller durch als wenn man nur einmal in der Woche wachliegt. Gehen einem die Antworten locker von der Hand oder mag/muss man länger darüber nachdenken? Vielleicht möchte man sogar später noch einmal zurückgehen, weil einem ganz plötzlich klar wird, was bei einer vorangegangenen Antwort noch ergänzt werden sollte.

Fazit: Wer die schlaflose Zeit nutzen will, um mehr über sich selbst herauszufinden und so vielleicht zur Wurzel der Schlaflosigkeit vorzudringen, sollte es einmal mit diesem interessanten Buch probieren.

Lee Crutchley: Tagebuch für Schlaflose. Aus dem Englischen von Ruth Keen. Kunstmann 2019. 192 Seiten, Euro 12,00, ISBN 978-3-95614-295-6.

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