Andrzej Sapkowski: Der letzte Wunsch

Gastbeitrag von Lukas Dreuth

Held in Literatur, Videospiel und Verfilmung

Wer aktiv die Entwicklungen auf dem Streamingmarkt verfolgt, die Gamingszene der 2010er Jahre verfolgt hat oder sich literarisch im Bereich der raueren, realistischeren Fantasywelten auskennt, dem oder der wird auch der Name Geralt von Riva ein Begriff sein. Als Protagonist der Werke des polnischen Autors Andrzej Sapkowski erlangte er zunächst in den 90er Jahren Bekanntheit. Den großen Schritt in die internationale Bekanntheit machten Held, Autor und Werke durch die Videospielumsetzungen des ebenfalls polnischen Studios CD Projekt Red. Während die ersten beiden Umsetzungen der „Witcher“ noch einem verhältnismäßig kleinen Nischenpublikum vorbehalten blieben, kann man den dritten Teil von 2015 ohne Übertreibung zu den größten Erfolgen seiner Branche zählen. Spätestens nach dem Kauf der Rechte an der Marke durch Netflix und die Serienumsetzung des Stoffes seit vergangenem Jahr lässt sich nicht mehr bestreiten, dass die Geschichten rund um den Hexer Geralt eine global erfolgreiche, multimediale Erfolgsgeschichte darstellen.

Den Beginn dieser Erfolgsgeschichte stellte eine Reihe von Kurzgeschichten dar, die schließlich in der Kurzgeschichtensammlung „Der letzte Wunsch“ veröffentlicht wurden. Sapkowski zeichnet in diesen eine Welt, die sich an das europäische Mittelalter anlehnt, mit zahlreichen slawischen Anleihen. Diese Welt wird außer von Menschen auch von anderen intelligenten Lebewesen bevölkert. Neben klassischen Fantasywesen wie Elfen, Zwergen und Gnomen zählen dazu auch andere Wesen wie Doppler. Und auch auf Drachen kann diese Welt natürlich nicht verzichten, auch wenn sie zum Zeitpunkt der Erzählung aus den bevölkerten Gebieten praktisch verschwunden und nur noch in den wilden Randgebieten des Kontinents zu finden sind.

Bevölkerung des Kontinents

Da die Menschen die absolut dominante Spezies auf dem Kontinent und in der bekannten Welt sind, sind die meisten anderen Rassen gezwungen, sich unter diese zu assimilieren. Dieses Zusammenleben ist zutiefst geprägt von gegenseitigem Hass und Rassismus, der sich von Seiten der Menschen oft in Ausschreitungen, Pogromen und Massakern gegen „Anderlinge“, alle nichtmenschliche Spezies, äußert.

Diese Welt ist außerdem durchdrungen von Magie, die von begabten Personen unter Menschen und Elfen genutzt werden kann, sowie zahlreichen Monstern. Auch wenn diese Monster nicht mehr so zahlreich sind, wie sie es einst waren, bevölkern sie immer noch die Wildnis und die Randgebiete der Siedlungen.

Die Hexer

Um diesen Ungeheuern beizukommen, wurden vor Hunderten Jahren die Hexer, im englischen Witcher, daher der Name der Videospielumsetzungen und der Netflix-Serie, geschaffen. Bei ihnen handelt es sich um professionelle Monsterschlächter, die als Kinder mit Hilfe von Magie und verschiedenen Substanzen mutiert und einem gnadenlosen Training unterzogen wurden. Die wenigen, die diese Prozedur überleben, ziehen durch die Lande und töten Monster gegen Bezahlung.

Probleme machen ihnen dabei nicht nur die verschiedenen Monster, sondern auch der Hass der Bevölkerung, die Hexer verachtet, die häufig miserable Bezahlung und der schleichende Niedergang ihrer Zunft.

Der Protagonist Geralt von Riva ist als Mitglied dieser Gruppierung ein Außenseiter in der Gesellschaft, gehasst wie gebraucht, auf Grund seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten. Während seiner Reisen steht er konstant im inneren Konflikt, ihn quälen bei vielen seiner Entscheidungen Selbstzweifel, er sieht den Wandel einer Welt, von der er weiß, dass er in ihr eines Tages überflüssig sein wird, er steht als Hexer im Ruf, biologisch nicht in der Lage zu sein, Gefühle zu haben, beweist durch seine Handlungen aber wieder und wieder das Gegenteil.

Schreibstil

Sapkowski schreibt in einer leichten, gut lesbaren Art. Die Inhalte und die Sprache sind deutlich an ein erwachsenes Publikum gerichtet, enthalten also stark sexuelle Darstellungen, es wird heftig geflucht, Gewalt explizit beschrieben, dabei geht jedoch nie ein schwarzer, sehr zynischer Humor der Figuren und des Autors verloren. Über die Beschreibung einer sich verändernden Welt, in der viele der mystischen Elemente im Niedergang begriffen oder dabei sind, völlig zu verschwinden, kreiert Sapkowski in vielen der Geschichten eine Nostalgie, in der er seine Leserinnen und Leser dazu bringt, das Verschwinden einer Welt zu betrauern, in die sie erst kurz zuvor eingeführt worden sind.

Diese Fähigkeit, eine Welt und Charaktere zu schreiben, die exzellent unterhalten, aber auch in kurzer Zeit emotional fesseln, ist eine der großen Stärken von Der letzte Wunsch, aber auch von allen folgenden Werken der Reihe. Häufige Anleihen an volksmythische Elemente aus Ost- aber auch Westeuropa sorgen gemeinsam mit der Anlehnung der Welt an das europäische Mittelalter dafür, das man sich in dieser Welt mit zahlreichen fantastischen Elementen schnell zu Hause fühlt. Das Format der Kurzgeschichten wird auch dadurch ermöglicht, dass viele Strukturen nicht lange erläutert werden müssen oder sich aus dem Kontext ergeben. Der direkte Einstieg in die Handlung macht eine lange Exposition überflüssig, weshalb sich „Der letzte Wunsch“ sehr gut  für Einsteiger eignet, die noch nicht mit dem Stoff vertraut sind. Da alle Adaptionen eigenständig sind und eine einzigartige Interpretation des Stoffs bieten, können auch Leser, die mit den anderen Adaptionen vertraut sind, in den Kurzgeschichten viel Neues entdecken.

Fazit

Somit lässt sich sagen, das es sich bei „Der letzte Wunsch“ um eine Kurzgeschichtensammlung handelt, die einer großen Bandbreite an Personen zusagen kann. Für Fans der Spiele oder der Serie bietet sie die Möglichkeit, sich tiefer in die Welt Sapkowskis zu vertiefen, bekannte Figuren wiederzutreffen, unbekannte kennenzulernen und Thematiken zu erkunden, die in den auf den Büchern aufbauenden Adaptionen lediglich angeschnitten wurden.

Doch auch und besonders ohne vorigen Bezug zum Hexer-Universum werden viele Leser mit Sapkowsiks Geschichten ihre Freude haben. Die raue, am europäischen Mittelalter orientierte Welt, der zynische, oft schmutzige Humor und die tiefen, ambivalent geschriebenen Charaktere machen Der letzte Wunsch, stellvertretend für alle Bände des Hexer-Zyklus, zu einer klaren Empfehlung für alle Fanatsyfreunde.

Andrzej Sapowski: Der letzte Wunsch. Aus dem Polnischen von Erik Simon. dtv 2020. 384 Seiten, Euro 16,00, ISBN 978-3-423-26264-4

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