Emma Donoghue: Raum

Am Abend vor seinem fünften Geburtstages ist Jack in Schrank eingeschlafen, wie jeden Abend. Er wird wach in Bett, neben ihm liegt Ma, und er hofft auf ein Geburtstagsgeschenk. Ma hat ein Bild für ihn, das sie selbst gemalt hat. Jack ist enttäuscht. Er hatte gehofft, dass der Mann, der jede Nacht kommt – er nennt ihn nach einer Fernsehfigur „Old Nick“ –, ein richtiges Geschenk für ihn mitgebracht hat. Vielleicht ein sechstes Buch, denn seine fünf Bücher kennt er auswendig, oder ein Spielzeug.

Jack und Ma leben in Raum. Dort ist Jack geboren, er kennt den dunklen Fleck auf dem Teppich, den er gemacht hat, als er „aus Ma rausgeflutscht“ ist. Das ist für ihn die Welt. Ansonsten gibt es noch andere Planeten, das ist das, was er im Fernsehen sehen kann.

Ma hat Jack lesen, schreiben und rechnen begebracht. Der Tag und die Woche sind gründlich durchgeplant: Essen, Fernsehen, Sport, Basteln, Baden oder Bettwäsche waschen, Ma hat alles strukturiert. Abends um 9 Uhr sitzt Jack wieder in Schrank, hört, ob Türe, die aus „einem glänzenden Zaubermetall“ ist, piep, piep, piep macht und zählt wieder und wieder seine Zähne und oft auch, wie oft Bett bumm, bumm, bumm macht.

Schon auf der ersten Seite des Buches verschlug es mir fast den Atem. Was für eine beklemmende Geschichte! Wie sollte ich das über mehr als 400 Seiten aushalten? Ich dachte sofort an den Fall des österreichischen Vaters, der seine eigenen Tochter eingesperrt, vergewaltigt und mit ihr Kinder gezeugt hat. Nun, der Fall liegt hier etwas anders, aber vom Grundsatz her ist das die Geschichte.

Nun fragte man sich, wie das über so viele Seiten ausgebreitet werden kann. In der ersten Hälfte des Buches wird vor allem der Alltag von Jack und Ma geschildert. Es ist bewundernswert, wie die Mutter versucht, ihrem Sohn ein möglichst „normales“ Leben zu ermöglichen, obwohl sie um jede Kleinigkeit (Essen, Kleidung, Spielzeug) betteln muss. Als sie einmal zu viel möchte, bestraft sie „Old Nick“ umgehend durch Stromabschaltung. Sie muss also stets vorsichtig bleiben. Es wird schnell klar, dass nur nur ihr Sohn ihr Lebensmut gibt. Sie lebt für ihn, immer in der Hoffnung, irgendwann einmal herauszukommen. In der Mitte gibt es dann eine Wendung, aber ich möchte hier nicht verraten, was passiert.

Interessant auch die Sprache von Jack. Es gibt nur einen Raum, eine Tür, ein Oberlicht, einen Teppich, und so werden die Begriffe von ihm alle ohne Artikel verwendet, wie Namen. Wir erleben auch alles aus der naiven Sicht von Jack, der nicht alles begreift und manches falsch einordnet. Als seine Mutter ihm zu erklären versucht, dass es eine reale Welt da draußen gibt, dass manches im Fernsehen tatsächlich existiert, ist er zunächst völlig verwirrt und überfordert. Diese Verwirrung macht sich manchmal auch in seiner Sprache bemerkbar, was ich allerdings unproblematisch fand, ich habe mich schnell in Jacks Berichtsstil eingelesen. An der einen oder anderen Stelle habe ich mich allerdings darüber gewundert, dass Jack nicht die richtigen Bezeichnungen für etwas kannte, sonst hat ihm seine Ma ja auch alles beigebracht.

Durch die Darstellung aus Jacks Blickwinkel ist das Buch auch kein bisschen voyeuristisch geraten. Regelrecht liebevoll schildert die Autorin die Besonderheiten seiner kleinen Welt, seine kleinen Freuden (seine Fernsehlieblinge), seine Ärgernisse (Brokkoli, grüne Bohnen) und Ängste (Schlimmerzahn, Old Nick). Stelle man sich vor, es wäre aus Sicht der Mutter geschildert, es wäre ein ganz anderes Buch, ohne die heiteren, unbekümmerten, naiven Stellen. Es wäre vermutlich unerträglich.

Es ist schwierig, mehr über das Buch zu schreiben, ohne mehr über die Handlung zu verraten. Ich konnte nach der Lektüre oft nicht einschlafen, weil meine Gedanken noch in Raum gefangen waren. Man kann es sich nicht ausmalen, wie man selbst in solch einer Situation handeln würde, aber das hilft nicht, man denkt darüber nach. Man sucht nach Auswegen, Fluchtmöglichkeiten, wie es vermutlich Jacks Ma jahrelang ebenfalls getan hat. Mir jedenfalls ging es so und ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand anders das einfach abschütteln kann.

Weglegen konnte ich das Buch trotz allem nicht. So wie Jacks Ma von der Hoffnung am Leben gehalten wird, dass eines Tages Rettung kommt, so wurde ich durch dieselbe Hoffnung immer wieder zum Weiterlesen motiviert.

Ist das jetzt ein Buch, das ich empfehlen kann und will? Ja, doch, es hat mir etliche Denkimpulse gegeben und es hat mich bewegt wie lange kein anderes Buch. Auch jetzt, beim Schreiben, merke ich, dass mir das Atmen wieder schwerer fällt. Einfach ist die Lektüre jedoch nicht.

Cover_Donoghue_Raum

Emma Donoghue: Raum. Piper 2012. Taschenbuch, 416 Seiten, Euro 9,99, ISBN 978-3-492-30129-9

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9 Gedanken zu “Emma Donoghue: Raum

  1. Pingback: Ich brauche eure Hilfe um diese Geschichte zu Ende schreiben zu können….Ich verlose dann auch Bücher zum Lohn:) « Familienbande

  2. Pingback: “Raum” « Familienbande

  3. Ich habe es sehr aehnlich empfunden. Vor allem hat mich erschüttert, wie schwer sich Jack mit der „neuen Welt“ tut und lieber wieder zurück wollte. Wie eng seine Welt ist und wie sehr seine Mutter ihn beschützt hat.
    Ein Buch, das lange, lange nachwirkt.
    Tine

  4. Pingback: Lesechallenge geschafft! « Wortakzente

  5. Es scheint dir genauso gegangen zu sein (aber wahrscheinlich noch extremer bei dem harten Stoff) wie mir bei, „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“. Aber der Autor John Green (das habe ich auch in meinem Post zu dem Buch beschrieben) verweist in einer Art Vorwort ausdrücklich darauf, dass sich der Leser doch bitte nicht mit den Gedanken darüber, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt, belasten soll (also, so interpretiere ich zumindest das Vorwort). Das gelingt natürlich nicht, weil sowohl der hier vorgestellte Roman, als auch der von John Green, durchaus real passieren können bzw. ja auch irgendwie passiert sind. Und das ist es, was mich so fertig gemacht hat beim Lesen und deshalb würde ich dieses Buch hier niemals lesen.
    Und ich frage mich, WIE kann man so etwas schreiben? Beim Schreiben erlebt man ja auch mit…

    • Beim Schreiben muss man es noch viel mehr durchleben, denke ich, denn man überlegt ja hin und her, verwirft einiges wieder, schreibt neu …
      Und ja, man weiß genau, dass solche Sachen passieren. Wie ich geschrieben habe: Auf der ersten Seite musste ich an diese österreichische Familie denken und später immer wieder.
      Donoghue hat sich hervorragend in die Personen hineinversetzt, wie ich finde, was sich vor allem im zweiten Teil zeigt, wo es um die Folgen und die Verarbeitung solch eines Lebens geht.

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