Sabine Hildebrandt: Käthe Beutler (Rezension)

Eine jüdische Kinderärztin aus Berlin

Käthe Beutler geb. Italiener (1896 bis 1999) war eine jüdische Kinderärztin, die Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts – obwohl sie verheiratet war und drei Kinder hatte – in einer eigenen Praxis praktizierte. Die Familie konnte frühzeitig in die USA emigrieren und sich dort ein neues Leben aufbauen. Ihr Enkel Bruce Butler erhielt 2011 den Nobelpreis für Medizin, was letztlich dazu führte, dass die Autorin sich mit dem Leben seiner Großmutter befasste.

Eine moderne Frau

Käthe Beutler war einer der ersten Frauen, die in Deutschland Medizin studieren konnten. Sie arbeitete zunächst im Krankenhaus, bevor sie sich als Kinderärztin selbstständig machte. Ihr Mann Alfred, den sie vermutlich bei der Arbeit im Krankenhaus kennenlernte, war ebenfalls Arzt mit eigener Praxis. Dank der Unterstützung durch Personal konnte Käthe Beutler auch dann weiterarbeiten, nachdem sie drei Kinder bekommen haben. Aus heutiger Sicht ist man erstaunt, welch modern erscheinendes, selbstbestimmtes Leben für Frauen – zumindest einige – in den Zwischenkriegsjahren möglich war.

Käthe Beutler war eine Mutter, der es sehr wichtig war, dass ihre Kinder eine gute Ausbildung bekamen. Deswegen drängte sie schon früh auf Auswanderung, nachdem die Montessorischule der beiden älteren Kinder geschlossen wurde und ihnen nur noch eine jüdische, zur Synagoge gehörende Schule blieb.

Das Buch schildert die Geschichte der Beutlers beginnend mit den so unterschiedlichen Eltern: Käthes Eltern waren modern und aufgeschlossen mit einem großen Bekanntenkreis von Intellektuellen und Künstlern. Alfreds aus dem Osten stammende und nach Sachsen gezogene Familie war eher traditionell, die früh verwitwete Mutter sehr zurückgezogen. Beide waren fleißige Studenten, Alfred strebte lange eine wissenschaftliche Karriere an, bis er aus finanziellen Gründen eine Praxis aufmachte.

Karriereknick in den ländlichen USA

Als die Beutlers in die USA zogen, sie landeten in Milwaukee, war zwar ihr Leben gerettet, aber Käthes Karriere nahezu beendet. Beide Beutlers bestanden zwar die Prüfung und konnten sich wieder als Ärzte niederlassen – und das zu einem Zeitpunkt, bevor große Mengen an Ärzten aus Deutschland einwanderten. Käthe aber war nun auf einmal für den Haushalt, das sehr ungeliebte Kochen und die Betreuung der Kinder, später auch für Pflege der Schwiegermutter verantwortlich, hatte also wenig Zeit für ihre Karriere. Es ist interessant, dass sofort ein Rückfall in alte Rollenklischees erfolgt, als sich die finanziellen Umstände änderten. Außerdem beäugten die Amerikaner, zumindest in eher ländlichen Regionen, Ärztinnen voller Misstrauen. Berlin war in dieser Hinsicht doch weit progressiver gewesen. Auch das reiche kulturelle Leben der Hauptstadt fehlte. Stattdessen wurden immer wieder Hilfsgesuche an die Beutlers herangetragen und nach dem Krieg erfuhren sie, wie viele Familienmitglieder und Freunde von den Nazis ermordet worden waren. Doch das Bemühen Käthe Beutlers um eine gute Ausbildung ihrer Kinder war erfolgreich, alle schlugen akademische Karrieren ein bis hin zu ihrem Enkel Bruce, der den Nobelpreis erhielt.

Faszinierende Lebensgeschichte

Ich fand die Geschichte der Käthe Beutler sehr interessant, vor allem die Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Flucht aus Deutschland. Zu sehen, was damals für Frauen schon möglich war, und sich vorzustellen, wie die Entwicklung hätte aussehen können, wenn nicht die Nazis all diese Menschen ermordet oder vertrieben hätten …

Einige Fotos zeigen Käthe Beutler und ihre Familie. Interessant sind die Abbildungen von Dokumenten – fasziniert hat mich der Führerschein von 1930. Dass eine Frau Auto fuhr, war damals außergewöhnlich.

Leider fehlte mir in dem Buch ein wenig das Herz. Es ist eine sehr nüchterne Beschreibung. Viele Menschen werden erwähnt, ihre Schicksale kurz angerissen, Daten und Fakten aufgezählt. Käthes Kinder konnten sich an ihre frühen Jahre nicht so genau erinnern, die Enkel haben von ihrer Großmutter niemals Einblick in ihre Gefühle erhalten. Es werden Briefe erwähnt, aber leider nicht zitiert, das hätte den Text vielleicht etwas lebendiger gemacht. Ich hätte mir etwas mehr Hintergrund, mehr Leben gewünscht. Das ist natürlich nicht die Schuld der Autorin, was man nicht weiß, kann man auch nicht erwähnen.

Fazit: Interessante Einblicke in das Leben einer beeindruckenden Frau.

Sabine Hildebrandt: Käthe Beutler (1896 – 1999). Eine jüdische Kinderärztin aus Berlin. Hentrich & Hentrich 2019. 120 Seiten, Euro 14,90, ISBN 978-3-95565-311-2.

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